Von Britta Gürke

Alles fing mit Prinz Williams verletzem Knie an. Als im Boulevardblatt "News of the World" plötzlich eine Geschichte über das eigentlich streng bedeckt gehaltene royale Gelenk erschien, mag sich der Prinz gefragt haben: Woher konnten die das bloß wissen? Am Ende war klar, dass die Handy-Mailboxen von Williams Mitarbeitern von einem Reporter der Zeitung angezapft worden waren, um solche und andere exklusive Geschichten zu orten.

Das Ganze ist mehr als fünf Jahre her. 2007 wurden der Königsreporter der Zeitung und ein Privatdetektiv zu Haftstrafen verurteilt. Doch die Geschichte kommt einfach nicht zur Ruhe; immer wieder sind Vermutungen zu hören. In der Vorwoche bekam die Polizei neues, offenbar belastbares Material – Medienberichten zufolge vom Blatt "News of the World" selber, das im Besitz des Medienmoguls Rupert Murdoch ist. Jetzt wird der Fall neu aufgerollt.

Er hat durchaus mehr als ein Geschmäckle – vor allem wegen der Vernetzungen des Medienmachers Andy Coulson, der bereits zwei Jobs deswegen verloren hat. Coulson war zur Zeit der Verurteilung des Königsreportes Chefredakteur bei "News of the World"; er verließ die Zeitung aber wegen des Skandals. Bis heute beteuert er, nichts von den Methoden gewusst zu haben. Kurz nach seinem Ende bei der Klatschzeitung wurde er in den engsten Mitarbeiterkreis des damaligen Oppositionsführers David Cameron aufgenommen.

Als der Konservativen-Chef nach der Wahl vergangenes Jahr zum Premierminister aufstieg, wurde Coulson zum Kommunikationschef am Regierungssitz Downing Street erhoben – eine Personalentscheidung, die offene Empörung auslöste.

Obwohl Cameron sich immer wieder hinter ihn stellte, gab Coulson seinen Posten vor wenigen Tagen auf. Seine offizielle Begründung: Der Medienrummel um den Abhörskandal führe dazu, dass er seine Arbeit nicht mehr richtig machen könne. Dass er ausgerechnet kurz vor den neuen Enthüllungen ging, scheint vielen verdächtig.

Scotland Yard will nun jeden Stein umdrehen. Mit der Ankündigung gehen die Ermittler auch gegen Vorwürfe in die Offensive, beim ersten Mal oberflächlich gearbeitet zu haben.

Sicher ist wenig. So steht nicht genau fest, wer Opfer der Lauschangriffe wurde – immer wieder fallen neue Namen. Mehrere Betroffene wie die Schauspielerin Sienna Miller haben Klagen am Laufen. Berichtet wird, auch die Handy-Nachrichten der Prinzen William und Harry selbst, des Sängers George Michael oder des Ex-Premierministers Gordon Brown seien nicht nur ihnen zur Kenntnis gelangt. Beweise gibt es bislang nicht.

Auch die Frage nach den Tätern, die außer den beiden Verurteilten hinter allem stecken könnten, scheint nicht abschließend geklärt. "News of the World" bestand darauf, der Königsreporter sei ein Einzelfall gewesen. Doch nachdem bekannt wurde, dass auch der frühere Nachrichtenchef Ian Edmondson den Hut nehmen musste, wurde der Verdacht laut, es könnten noch mehr Leute eingeweiht oder sogar beteiligt gewesen sein.

Weiteres Rätsel: Haben außer "News of the World" noch andere Medien mit diesen Methoden gearbeitet? Der Medienanwalt Mark Stephens behauptet, die Abhörpraktiken seien auch bei anderen Boulevardblättern an der Tagesordnung. Dafür gibt es bislang keine veröffentlichten Beweise.

Murdoch kann derzeit nur daran gelegen sein, dass sich die Affäre möglichst bald klärt. Seine News Corporation hat den britischen Fernsehkonzern BSkyB ins Visier genommen und versucht seit Sommer 2010 eine Komplett-übernahme.

Weil Murdoch aber auf der Insel bereits die "Times" und das Massenblatt "The Sun" gehören, fürchtet die Medienaufsicht um die Vielfalt im Land. News Corp. verteidigt sich und hat von der Regierung nun das Ja bekommen, neue Argumente vorzulegen. Ein Ausufern des Abhörskandals bei "News of the World" käme da wohl eher ungelegen.(dpa)