Ein Land sucht seinen Weg in die Freiheit. Die große Mehrheit der 80 Millionen Ägypter will den Abgang von Husni Mubarak, den sie seit Jahren "den lieben Präsidenten" oder den letzten Pharao nennen.

Stop it! Am Checkpoint an der Fughafen-Zufahrtsstraße in Luxor steigt der Busfahrer nervös auf die Bremse. 30 Touristen recken im Morgengrauen ihre Hälse, niemand fotografiert, keiner spricht. Draußen vor der Tür ist das Wortgefecht umso heftiger, eine Vokabel-Mischung aus Arabisch und Englisch prallt wie ein Pingpong-Ball zwischen Reiseleiter und bewaffneten Sicherheitskräften hin und her.

In diesem Bus sitzt auch Gerd Engel aus Stendal. In der linken Hand hält der sein Handy, mit der rechten streicht er sich nervös das schüttere Haar zurück. "Mein Herzmuskel tut weh, wenn ich die Bilder aus Kairo oder Alexandria auf dem Bildschirm sehe." Das sagt ein Mann, der mehr als 100 Marathon-Läufe absolviert hat. Das sagt ein Mann, der den Ägypten-Marathon vor einigen Tagen am Wüstenrand organisiert hat.

Piep, piep! Schon wieder eine SMS. Viele Teilnehmer des Marathons schreiben Engel, wie sie aus dem Land gekommen sind. Immerhin zählte der Wüsten-Lauf 350 Teilnehmer unter anderem aus Deutschland, Japan, USA, England und Holland. Diesmal hat Petra Ebel geschrieben. Die Düsseldorferin hat mit ihrer Reisegruppe zwei Tage zuvor 13 Stunden banges Warten auf dem Flughafen in Luxor erlebt: "Es war das berühmte Wechselbad der Gefühle. Zunächst gab es einen riesen Jubel, als der Flieger in Luxor abhob." Als "chaotisch" bezeichnet Petra Ebel jedoch die Zustände in Kairos Flughafengebäude. "Wir haben auf Pappkartons aus dem Duty-Free geschlafen. Die Geschäfte waren leer. In der panischen Menschenmasse an den Flugschaltern trafen wir eine Mutter mit Kind, die 24 Stunden lang nicht mehr gegessen hatten." Was für die sympathische Truppe mit einem netten Inline-Skating-Erlebnis beim Marathon begann, endete nicht nur für diese zwei Dutzend Leute mit Bürgerkriegs ähnlichen Zuständen an den Kairoer Flugterminals. "Niemand kann die Philosophie des Auswärtigen Amts verstehen", meint Petra Ebel. "Während sich die Botschaften der Türkei und Österreichs um ihre Touristen kümmerten, hieß es von deutscher Seite: kein Bedarf."

Zischsch! Die Tür von Gerd Engels Reisebus schließt sich. Der Wachmann am Checkpoint winkt das Fahrzeug durch. Die Kalaschnikow längt lässig über den Schultern. Noch ein Kilometer vorbei an den stillen Panzern auf den Straßen von Luxor. Piep, piep! Schon wieder eine SMS auf Engels Handy. "Wir sind gesund in Frankfurt gelandet. Vielen Dank für alles", schreibt die Karlsruher Journalistin Sibylle Kranich. Sie hat sich mit ihrer Truppe zuvor per Wüstentaxi von Luxor nach Hurghada durchgeschlagen. "Bammel hatten wir in unseren Peugeots aus dem 70er Jahren vor allem an den Kontrollpunkten der Wüstenstraße, weil wir im Dunkeln während der Ausgangssperre unterwegs waren." Einen Tag zuvor hatte die Redakteurin der "Badischen Neuesten Nachrichten" noch mit Luxors Maritim-Hotel-Manager Urs Umbrink über die Folgen der Unruhen für den Tourismus gesprochen: "Er versicherte mir, dass er niemand seiner 400 Angestellten entlassen wird." Seine Kollegen in den Feriengebieten an Nil und Rotem Meer sprechen von bisher 40 Prozent Buchungs-Einbußen. Bisher ist noch keinem Touristen in diesen Regionen etwas passiert. Unter anderem schützen Bürgerwehren die Hotels und Sehenswürdigkeiten. "Aber es bleibt ein beklemmendes Gefühl", meint nicht nur Sibylle Kranich.

Der Bus von Gerd Engel ist am Flughafen angekommen. Mit dem Handy in der Hand unterhält er sich mit einem einheimischen Reiseleiter. Der sagt: "Wir brauchen keine Demokratie nach eurem Vorbild. Wir brauchen einen gerechten Führer, der sich um alle Menschen hier kümmert." Engel hebt den Daumen: "Die friedlichen Leute hier wissen, was sie tun."

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