Von Anne-Beatrice Clasmann

Ägypten teilt sich in diesen Tagen des Wandels in fünf verschiedene Bevölkerungsgruppen: Die Dauerjubel-Fraktion, die ewig Besorgten, die Nutznießer der Revolution, die Verlierer und die Strategen. Eher klein ist die Gruppe der Strategen, die jetzt schon Pläne für die kommenden Wahlen in der Schublade haben. Die Übergangsphase soll sechs Monate dauern. In dieser kurzen Zeit wird es für Nachwuchspolitiker und neue Parteien nicht einfach sein, sich als Alternative zum Mubarak-Staat zu etablieren.

Der Freudentaumel hält vor allem bei den Jüngeren nach wie vor an. Viele von ihnen können es immer noch gar nicht fassen, dass der Präsident, dessen Reden und Fotos sie von Geburt an begleitet hatten, jetzt als Rentner in einem Ferienhaus sitzt. Gleichzeitig legt diese Gruppe großen Wert darauf, dass alle Parteifunktionäre, Polizeioffiziere, Geschäftsleute und Schläger vor Gericht gestellt werden, die an den Gewaltexzessen gegen Demonstranten beteiligt gewesen waren. Die zweite wichtige Forderung dieser Gruppe, zu der unter anderem die Jugendbewegung 6. April gehört, ist die Freilassung aller politischen Gefangenen.

Die Besorgten, die sich an den Protesten gegen Mubarak und den korrupten Parteiapparat der NDP aus Angst vor Gewalt und Anarchie nicht beteiligt hatten, wünschen sich einfach, dass die Übergangsphase ohne Blutvergießen und weiteren Schaden für die Wirtschaft abläuft. Zu dieser Gruppe gehören Geschäftsleute, die um ihr Erspartes fürchten.

Groß ist die Gruppe der potenziellen Nutznießer der Revolution, die jetzt alle Forderungen, die sich bei ihnen in den vergangenen Jahren angestaut haben, auf einmal loswerden wollen. Zu dieser Gruppe gehören Polizisten, die sich von ihren Vorgesetzten erniedrigt fühlten, Journalisten, deren Aufstieg behindert wurde, weil sie der Regierungspartei kritisch gegenüberstanden, Krankenschwestern, die ihre Gehälter zu niedrig finden, und ehemalige Regierungsbeamte, die nun auf ein politisches Comeback hoffen.

Die Verlierer der Revolution, die Parteifunktionäre, Mitläufer und korrupten Geschäftsleute, sind auf Tauchstation gegangen.

Zu den wenigen Strategen, die sich jetzt schon auf die nächsten Wahlen vorbereiten, gehören die alten Oppositionsparteien und die Muslimbrüder. Die Islamisten wollen allerdings nur bei der Parlamentswahl antreten und bei der Präsidentschaftswahl keinen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken. Wahrscheinlich werden sie aber eine Empfehlung für einen bestimmten Kandidaten abgeben.

Bei der Parlamentswahl können die Muslimbrüder, die heute wohl nicht mehr so viele Sympathisanten haben wie noch vor fünf Jahren, nach Einschätzung von Experten auf etwa ein Viertel der Wählerstimmen zählen. Sie profitieren davon, dass die anderen Oppositionsgruppen bisher weniger gut organisiert sind. Außerdem haben einige der etablierten Parteien durch frühere Kompromisse mit der NDP an Ansehen verloren.

Wer bei der Präsidentschaftswahl, deren Spielregeln bislang nicht klar sind, das Rennen machen wird, ist noch offen. Unter den Politikern, die schon ihr Interesse an einer Kandidatur angemeldet haben, hat der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, vielleicht die besten Chancen. Mit seinem Bekenntnis zum Liberalismus hebt er sich von Mohammed el Baradei ab, der näher an den Muslimbrüdern und ihren Forderungen nach einer "Islami- sierung" des Staates dran ist.

Mit den vermeintlichen Vorbildern vom radikal-islamischen Modell Saudi-Arabiens bis zum modernen Staat islamischer Prägung in der türkischen Version haben die Ägypter wenig am Hut. Sie orientieren sich eher an der eigenen Vergangenheit – von den Aufständen gegen die Briten bis zum arabischen Nationalismus unter Präsident Gamal Abdel Nasser.(dpa)