Von Claudia Labude

Seit zwanzig Jahren sind die ostdeutschen Medien frei - aber sind sie auch unabhängig? Diese Frage diskutierte Ministerpräsident Wolfgang Böhmer auf dem "Medientreffpunkt Mitteldeutschland" in Leipzig mit Journalisten aus der ganzen Republik. Der Zeitpunkt der Fragestellung war gut gewählt, wurde doch am Montag auch der Internationale Tag der Pressefreiheit gefeiert.

Dass sich nicht nur Politik und Gesellschaft, sondern auch die Medien 1989 und 1990 radikal verändert haben, war laut Böhmer für jeden spürbar. "Plötzlich war in den Zeitungen nicht mehr jeden Tag zu lesen, dass wir irgendwo gesiegt haben. Plötzlich wurde auch über Lieferengpässe und nicht nur über Planerfüllung berichtet", erinnerte sich der Ministerpräsident.

Für die ehemaligen SED-Bezirksblätter in den neuen Bundesländern sei es in dieser Zeit enorm wichtig gewesen, sich auch inhaltlich den neuen Bedingungen anzupassen. "Diese etablierten Zeitungen hatten einen Vorteil gegenüber den zahlreichen Neugründungen: Ihre Leser hielten ihnen die Treue, weil sie sich verstanden fühlten, weil es den Mitarbeitern wie den Lesern ging: Beide mussten sich an das Neue gewöhnen, bildeten quasi eine Interessengemeinschaft", so Professor Ernst Elitz, Gründungsintendant des Deutschlandradios und ebenfalls Podiumsgast dieser Diskussion.

Allerdings: Auch wenn die Politik heute keinen Einfluss auf die Medien mehr nehme, gebe es andere Formen der Abhängigkeit, erläuterte Böhmer. So führe die Konzentration von Medien in Zeitungs- oder Sendergruppen dazu, dass in den einzelnen Häusern weniger kritisch Bericht erstattet würde, weil man dem Gleichen untersteht. Auch das Fernsehen sei nicht frei davon. "Wenn es um die Gebühren, also die Einnahmen, geht, kann die Staatsnähe nicht groß genug sein, bei den Ausgaben dagegen beobachtet man das dann plötzlich mit Abscheu."

Auch die wirtschaftliche Abhängigkeit der Medienunternehmen wurde thematisiert. Flogen Chefredakteure früher wegen zu scharfer Kommentare, so kann heute mangelnde Rendite zur Kündigung führen. Sergej Lochthofen, ehemaliger Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, hatte dazu eine ganz eigene Meinung. "Wenn die Kollegen bei den Westmedien, die enorme Verluste einfahren, 100 Prozent verdienen, und die im Osten, die mit ihren Blättern die Verluste ausgleichen, viel weniger, dann ist das ein Skandal, den man thematisieren muss."

Keiner der anwesenden Kollegen wollte deshalb der Beobachtung widersprechen, dass Chefredakteure heutzutage fast besser rechnen als schreiben müssen.

"Wenn man nur noch die Rendite im Blick hat, ist die Gefahr zunehmender Abflachung der Inhalte groß", warnte Böhmer. "Man sollte das Niveau nicht um des Geldes willen unterschreiten." Elitz vertrat dagegen die provokante These, dass es auch die Leser seien, "die eine Zeitung dumm machen, denn sie erwarten, dass ihre Bedürfnisse befriedigt werden."

In keinem anderen Marktsegment sei der Kunde so sehr König, wie in den Medien. "Wenn Leser ein Blatt nicht kaufen, machen sie es platt, werden dadurch auch zu Blattmachern", bemühte der erfahrene Journalist ein Buchstaben-Spiel. Aus diesem Verhältnis zwischen Konsumenten und Medienmachern erkläre sich auch der oft belächelte Erfolg des Mitteldeutschen Rundfunks und der Zeitschrift "Superillu". "Medien sind ja keine Missionsstationen. Wenn sich das Publikum beim MDR gut aufgehoben fühlt, dann macht dieser Sender ein gutes Programm."

Keine rosarote Perspektive zeigte Lochthofen für den Bereich des Printjournalismus auf. Die gesellschaftliche Funktion von Medien, die sie in einer Demokratie erfüllen müssten, führe dazu, dass "wir wieder das werden, was wir vor 100 Jahren mal waren – ein Produkt für die Elite. Nicht der Inhalt schmeißt die Leute raus, sondern der Preis".

Die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich wäre zukünftig wesentlich bedeutsamer als der "folkloristische Unterschied" zwischen Ost und West, der sich in spätestens zwei Generationen ausgewachsen habe.