Das Schrumpfen der Städte beschäftigt außer den betroffenen Kommunen und ihren Städteplanern auch die Forscher. Denn es geht um die für unser gesellschaftliches System grundsätzliche Frage, ob und wie unter den Bedingungen von Bevölkerungsrückgang, Leerstand und damit verbundenen Mindereinnahmen noch das Verfassungsziel gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Regionen der Bundesrepublik gewährleistet werden kann.

Das Sachbuch "Urbanität neu planen" erklärt uns die komplexen Probleme schrumpfender Städte, angefangen von ihrer Finanznot über das Leiden des innerstädtischen Handels, Zuwanderung und soziale Spaltung bis hin zum Stadtumbau und zur Wirksamkeit der Förderprogramme. Für die Dringlichkeit der Thematik sprechen statistische Angaben: So wird in diesem Jahrzehnt etwa jede zweite deutsche Stadt und Gemeinde (untersucht ab 5 000 Einwohnern) mit dem Bevölkerungsrückgang konfrontiert. In Ostdeutschland werden im Jahr 2050 im Fall der düstersten Prognosen nur noch 8,6 Millionen Menschen leben: "Mit Ausnahme einzelner Stabilitätsinseln ist in den neuen Ländern ein anhaltender Desurbanisierungsprozess zu erwarten."

Die Autoren beschreiben Anpassungsstrategien, mit denen sich entleerende Städte trotzdem lebenswert bleiben können. Etwa durch "zukunftsorientierte Seniorenpolitik", "kinder- und familienfreundliche Politik" oder "ausbalanciertes Infrastrukturmanagement". Der Soziologe Jens S. Dangschat knüpft zudem Hoffnungen an die veränderte Arbeitswelt, die vor allem junge Menschen in kreativen und Dienstleistungsberufen wieder an urbane Zentren binden könnte. "Für die Städte bedeutet das, nicht einseitig auf multinationale Konzerne und deren Headquarters zu setzen, sondern die bestehenden lokalen und regional orientierten Betriebe zu fördern, die in einer lokal eingebetteten Ökonomie agieren …", empfiehlt er.

Gegen den "urbanen Pessimismus" tritt der für die populäre Meinungsbildung immer gern herangezogene Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski an: "Wer es sich leisten kann, wohnt in Citynähe – und spart Zeit: Zwölf bis 14 Stunden Freizeit verliert der Pendler im Vergleich zu seinen Kollegen, die in der Stadt wohnen" schreibt Opaschowski und zitiert aus einem Spiegel-Artikel Rechenbeispiele: "Das entspricht sechs Kinofilmen. Oder fünf Restaurant-Besuchen. Oder vier Monopoly-Runden mit den Kindern. Oder drei langen Jogging-Runden pro Woche."

Das Sachbuch vermittelt als Einführungshilfe und Lehrstoff zur Problematik Stadtschrumpfung ein breites Basiswissen im Überblick. Wirklich Neues steuert es für die Diskussion nicht bei. Die Zustandsbeschreibung aus westlichem Blickwinkel sieht in geübter Manier vor allem die ostdeutschen Städte als Verlierer – und hat dabei die aktuelle Entwicklung ignoriert oder verschlafen. So wird dem Leser verschwiegen, dass bereits seit acht Jahren in Sachsen-Anhalt daran gearbeitet wird, den Schrumpfungsprozess auch als Chance zu nutzen. Wenn Autorinnen aus dem Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) entdecken: "Im Stadtumbau gibt es keine idealtypischen oder Patentlösungen. Stattdessen sind Konzepte und Strategien zu entwickeln und umzusetzen, die den besonderen Gegebenheiten vor Ort gerecht werden ….", so können die Bürger in den 19 Städten der IBA Stadtumbau 2010 nur nicken und sagen: "Gibt`s schon. Denn solche maßgeschneiderten Strategien setzen sie mit ersten Erfolgen bereits in die Tat um. Das Dessauer IBA-Konzept "Urbane Kerne – Landschaftliche Zonen" hat es zwar sogar als "Gutes Beispiel" ins Buch geschafft, jedoch das Wort IBA fällt dabei kein einziges Mal.

Dieses Buch kommt einfach zu spät.