Angesichts unserer Sorgen um Euro und europäischen Wirtschaftsraum gerät eine der größten Umweltkatastrophen irgendwie aus dem Blick. Es scheint so, als trösteten wir uns damit, dass der Ort des Geschehens so schön weit weg ist. Dabei macht die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko die Umweltgefahren, die aus unserer Abhängigkeit vom Erdöl entstehen, überdeutlich. Das Öl macht uns zu "Junkies" und ermutigt die Erdölwirtschaft zu immer riskanteren Beschaffungsmethoden. Marine Ölförderung in großen Tiefen ist eine solche Hochrisikotechnologie.

Das wahre Ausmaß der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bleibt der Öffentlichkeit bislang verborgen, weil rund eine Million Liter Chemikalien eingesetzt wurden, um das Öl an der Meeresoberfläche aufzulösen. Doch mit der Methode "nur aus den Augen" ist das Problem nicht gelöst. Umweltforscher warnen, dass diese Chemikalien für das Leben im Meer schädlicher seien als das Öl selbst. Nun wurden Lagen von Öl tief unter der Wasseroberfläche entdeckt, eine davon mit einer Fläche von ungeheuren 80 Quadratkilometern und einer Dicke von mehreren hundert Metern.

Entsetzt fragt man sich, wie das geschehen konnte. Hat wirklich niemand Risiko und Gewinn gegeneinander abgewogen? Die schweren ökologischen Schäden, die für den Golf von Mexiko und das Flussdelta des Mississippi erwartet werden, wurden durch eine nicht für möglich gehaltene Schlamperei der Nationalen Aufsichtsbehörde begünstigt, die auf die Ausarbeitung eines früher vorgeschriebenen Notfall-Plans verzichtet hatte – und das bei einer Förderung in 1500 Metern Tiefe! Ein wichtiges Sicherungsventil war aus Kostengründen nicht ausreichend dimensioniert. Das Ergebnis: zirka 800 000 Liter Öl fließen seit dem 20. April täglich ins Meer und bringen das große Sterben.

Es trifft nicht "nur" Meerestiere und -pflanzen, Korallenriffe und Seegraswiesen, es sind auch die Fischer, die unmittelbar betroffen sind: Durch ein Fischereiverbot haben sie ihre Lebensgrundlage verloren.

Ist der Golf von Mexiko wirklich weit weg? Sind wir klüger? Auch hierzulande steigt die Bereitschaft, an das technisch Machbare zu glauben und immer höhere Risiken einzugehen, um an Öl und Gas zu kommen. Tatsache ist, dass die Nordsee heute bereits einer dauerhaften Verschmutzung durch Öl ausgesetzt ist. Über 10 000 Tonnen Öl gelangen durch die Förderung im Normalbetrieb jährlich in die Nordsee. Dazu kommt nochmals ungefähr die gleiche Menge, die von Schiffen illegal in das Meer geleitet wird. Mitten im weltweit einmaligen Wattenmeer wird auf der Station Mittelplate Öl gefördert! In der gesamten Nordsee gibt es über 400 Plattformen.

Wir sollten handeln, solange unsere einzigartige Küsten- und Meereswelt noch existiert. Wir müssen endlich lernen, dass nicht jedes Risiko sich rechnet und dass es Schäden gibt, die nicht zu bezahlen sind. Der einzige Weg, um solche Desaster wie im Golf von Mexiko zu vermeiden, ist der Weg weg vom Erdöl hin zur Nutzung erneuerbarer Energien, hin zu anderen Antrieben. Auf diesem Weg lohnt sich jede Anstrengung und jede Ingenieurskunst – nicht beim Bohren immer tieferer Löcher nach Öl.

Undine Kurth ist Bundestagsabgeordnete aus Quedlinburg. Sie ist parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion der Grünen.