Wochenanfang im Magdeburger Inter-City-Hotel: Die Europa-Union hat Spaniens Botschafter in Berlin, Rafael Dezcallar y Mazarredo, eingeladen. Sein Land steht wegen der Euro-Krise im Kreuzfeuer der Kritik. Wie sieht Spanien die Krise? Mit dem Botschafter sprach Volksstimme-Redakteur Georg Kern.

Volksstimme: Ist der Euro noch zu retten?

Rafael Dezcallar y Mazarredo: Ich habe leider keine Kristallkugel. Aber ich meine, man sollte optimistisch sein. Es passiert derzeit unglaublich viel auf vielen politischen Ebenen.

Volksstimme: Was meinen Sie?

Dezcallar y Mazarredo: Es wird einen Schutzschirm von 750 Milliarden Euro geben. Zugleich wird auf europäischer Ebene an tieferer wirtschaftspolitischer Integration gearbeitet, wie sie innerhalb einer Währungsgemeinschaft notwendig ist. Es wird Maßnahmen zur stärkeren Regulierung der Finanzmärkte geben. Und schließlich arbeiten die Einzelstaaten der Eurozone hart an ihrer Haushaltsdiziplin.

"Der Vergleich mit Griechenland geht zu weit"

Volksstimme: Wegen mangelnder Haushaltsdisziplin steht auch Spanien am Pranger, gemeinsam mit Griechenland oder Irland.

Dezcallar y Mazarredo: Den Vergleich kenne ich natürlich, aber jeder Fall ist anders, und es ist nicht richtig, Parallelen ohne Grundlage herzustellen. In Spanien gibt es derzeit mit Sicherheit Schwierigkeiten. Aber uns mit Griechenland und anderen Ländern mit Problemen zu vergleichen, geht zu weit.

Volksstimme: Warum?

Dezcallar y Mazarredo: Weil Spanien im Gegensatz zu Griechenland eine starke ökonomische Basis hat. Wir sind die neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt. In zwei Jahren werden wir Nettozahler in der EU sein. Mit seiner Schuldenquote blieb Spanien 2009 unterhalb der Maastricht-Grenze – anders als Griechenland.

Volksstimme: Das Haushaltsdefizit Spaniens ist das drittgrößte der Eurozone – hinter Irland und Griechenland. Die Arbeitslosigkeit beträgt 20 Prozent, was den Staat Milliarden kostet.

Dezcallar y Mazarredo: Ich sage ja: Es gibt Probleme in Spanien, die wir jetzt aber noch entschlossener angehen. Ministerpräsident Zapatero hat letzte Woche ein strenges Sparpaket vorgestellt. Spanien wird schon 2013 wieder das Maastricht-Kriterium von 3 Prozent bei der Neuverschuldung einhalten.

Volksstimme: Wie realistisch sind diese Sparvorhaben?

Dezcallar y Mazarredo: Ich versichere Ihnen: Sie sind realistisch. Spanien wird seine Hausaufgaben machen, genauso wie bereits in der Vergangenheit geschehen. Spanien hat in den letzten zwanzig Jahren sein BIP verdoppelt. Nur würde das nicht viel helfen, wenn sich Europa gleichzeitig in der Krise auseinanderdividieren lässt. Ich finde, dass sich die Euro-Währungsgemeinschaft angesichts des Drucks bisher exzellent geschlagen hat.

Volksstimme: Sie meinen den Rettungsschirm von 750 Milliarden Euro?

Dezcallar y Mazarredo: Das und weitere Maßnahmen wie den Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank.

Volksstimme: Das ist nun augerechnet ein Schritt, den die von Inflation gebrannten Deutschen mit großem Misstrauen sehen.

Dezcallar y Mazarredo: Das geht uns Spaniern genauso. Die Unabhängigkeit der Zentralbank ist ein hohes Gut. Man muss sich aber klarmachen: Diese Entscheidung musste einfach getroffen werden. Sie war zu diesem Zeitpunkt alternativlos. Stellen Sie sich doch einmal vor, wie die Märkte reagiert hätten, wäre diese Entscheidung nicht gefallen.

Volksstimme: Wird es Inflation geben?

Dezcallar y Mazarredo: Wieder muss ich sagen: Ich habe keine Kristallkugel. Natürlich muss man dieses Szenario im Hinterkopf haben, um dagegen anzuarbeiten. Aber wir sollten uns jetzt mehr auf die gegenwärtigen Hauptprobleme konzentrieren, statt uns Schreckensszenarien auszumalen.

Volksstimme: Welche sind die gegenwärtigen Hauptprobleme?

Dezcallar y Mazarredo: Es geht darum, das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen. Die Haushaltsdisziplin der Nationalstaaten ist dabei ein wichtiges Thema – und da wird sich mit Sicherheit viel bessern. Ebenso wichtig ist es aber, die Finanzmärkte zu regulieren und die wirtschaftspolitische Integration der Euro-Staaten voranzubringen.

Volksstimme: Wie beurteilen Sie das bisherige Krisenmanagement Deutschlands?

Dezcallar y Mazarredo: Dies ist nicht nur eine Frage Deutschlands, sondern aller Euro-Länder. Wichtig ist, dass wir uns jetzt alle einig sind über die Richtung, in die es gehen muss. Die Währungsgemeinschaft steht in der Krise zusammen – auch das ist schon ein wichtiges Signal an die Märkte.

Volksstimme: Können Sie verstehen, wenn sich Deutsche jetzt beklagen, sie seien die Zahlmeister Europas?

"Deutschland hat ganz besonders vom Euro profitiert"

Dezcallar y Mazarredo: Ich verstehe natürlich, wenn die Euro-Krise angesichts der Risiken gewisse Ängste auslöst. Man muss aber auch einmal sagen: Deutschland hat in den letzten Jahren ganz besonders vom Euro profitiert. Andere Länder einschließlich Spanien leisten ebenfalls wichtige finanzielle Beiträge zur gemeinsamen Anstrengung. Der Euro ist keine Mitleidsveranstaltung starker Volkswirtschaften mit schwachen. Der Euro ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

Volksstimme: Dennoch: Die Milliarden für Rettungspakete bereiten vielen Menschen Sorgen.

Dezcallar y Mazarredo: Man muss jetzt auch erst einmal sehen, wie viel dieses Geldes wirklich abgerufen wird – und was möglicherweise nicht zurückgezahlt wird. Deutschland bringt hier, wie übrigens die anderen Geberstaaten auch, eine beeindruckende Leistung, die jeder zu würdigen weiß. Wichtig ist, dass jedes Land seine Aufgaben erfüllt, die es zu erledigen hat.