Nach Jahren politischer Stagnation und einem harten Wahlkampf erhoffen sich die Tschechen von der an diesem Freitag beginnenden und bis Sonnabend dauernden Parlamentswahl endlich wieder Stabilität.

Doch vor der traditionell zweitägigen Abstimmung zeigt keine Umfrage eine deutliche Mehrheit für eines der politischen Lager. "Daher könnten kleinere Gruppierungen, die aus der Enttäuschung über die beiden Volksparteien Kapital schlagen, zum "Königsmacher" werden", meint der Prager Politologe Jiri Pehe.

Wechsel nach London

Rund 8,4 Millionen Wahlberechtigte in den Landesteilen Böhmen, Mähren und Schlesien sind aufgerufen, einen Nachfolger für Ministerpräsident Jan Fischer zu bestimmen. Im Mai 2009 hatte der damalige Leiter der tschechischen Statistikbehörde das Amt übernommen, um das Land mit einem Kabinett parteiloser Experten zu Neuwahlen zu führen. Zuvor war die Mitte-Rechts-Koalition von Regierungschef Mirek Topolanek inmitten der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft an Überläufern im Parlament gescheitert. Fischer steht nicht mehr zur Wahl: Der 59-Jährige heuert im Herbst bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London an.

In aktuellen Umfragen führen die Sozialdemokraten (CSSD) deutlich mit etwa 30 Prozent. Die 1878 gegründete und damit älteste Partei des Landes regierte Tschechien schon zwischen 1998 und 2006. "Arbeit und Wohlstand" versprach CSSD-Spitzenkandidat und Ex-Regierungschef Jiri Paroubek zwar siegessicher im Wahlkampf. "Aber angesichts eines Haushaltsdefizits von rund 5,3 Prozent wird der Sozialstaat nicht leicht zu finanzieren sein", kommentierte unlängst das Magazin "Respekt".

Zweitstärkste Kraft dürfte die neoliberale Demokratische Bürgerpartei (ODS) werden, die Umfragen bei etwa 20 Prozent sehen. Sie stellte von 1993 bis 1998 und 2006 bis 2009 den Regierungschef.

Doch die beiden großen Parteien erhalten kaum genug Stimmen für eine Alleinregierung. "Dem vermeintlichen Wahlsieger CSSD drohen die Partner auszugehen", meint der Publizist Bohumil Dolezal.

Eine Koalition mit den unreformierten Kommunisten (KSCM) würde die Sozialdemokraten vor eine massive Zerreißprobe stellen. Zudem verbietet ein Parteitagsbeschluss ein Zusammengehen mit der früheren Staatspartei.

Auch die programmatisch nahen Christdemokraten (KDU-CSL) und die Grünen (SZ) drohen für die Sozialdemokraten als mögliche Partner auszufallen, da sie in Umfragen knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde liegen. Sollte der 57 Jahre alte Paroubek tatsächlich die Wahl gewinnen, wäre sein Spielraum zum Manövrieren denkbar eng.

Eine große Koalition mit der ODS von Spitzenkandidat Petr Necas schließen beide Parteien derzeit aus. Ex-Arbeitsminister Necas (45), der derzeit sein Image als "farbloser Politiker" in den Medien zu korrigieren sucht, strebt ein Bündnis bürgerlicher Parteien an. Hier kommen der konservativen Formierung TOP 09 um Ex-Außenminister Karel Schwarzenberg (72) sowie der populistischen Gruppierung VV des TV-Reporters Radek John (55) die größte Bedeutung zu. Beiden könnte erstmals der Sprung ins Parlament auf der Prager Kleinseite gelingen.

Der von Prager Medien oft als "Oskar Lafontaine Tschechiens" bezeichnete Vollblutpolitiker Milos Zeman versucht nach einer gescheiterten Präsidentenkandidatur erneut ein Comeback.

Auch im Wahlkampf verleumdeten sich fast alle Kandidaten nach Kräften. Ein Faustschlag gegen Ex-Finanzminister Bohuslav Sobotka (CSSD) bei einem Auftritt in Brno (Brünn) zeugt von der vergifteten Atmosphäre. Indirekt kämpfen die Parteien auch um das Präsidentenamt: Staatschef Vaclav Klaus tritt 2013 ab, und sein Nachfolger wird vom Parlament gewählt. Wer also den anstehenden Urnengang gewinnt, hat beste Chancen, den Posten in der Prager Burg zu beanspruchen.(dpa)