Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 07.04.2010 22:00:00
Die Deutschen trinken zu viel – immer öfter bis sie ins Koma fallen. Umgerechnet 9,9 Liter reinen Alkohol nahm jeder Bundesbürger im Jahr 2008 durchschnittlich zu sich. Der Alkoholkonsum bleibt auf hohem Niveau, auch wenn es keinen weiteren Anstieg gab. Das geht aus dem Jahrbuch Sucht 2010 hervor, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) gestern in Berlin vorstellte.

Drastisch nimmt das Komatrinken zu: Rund 109 300 Menschen kamen 2008 mit akutem Rausch ins Krankenhaus. Das waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes doppelt so viele wie im Jahr 2000. Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkohol–abhängig.

Deutschland liegt beim Alkoholkonsum weltweit in der Spitzengruppe – nach Luxemburg, Irland, Ungarn und Tschechien auf Platz fünf. Die DHS beruft sich auf einen Vergleich der Weltgesundheitsorganisation WHO unter 34 Ländern von 2003, der im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde.

Die Vorliebe der Bundesbürger für Bier ging zurück. Jeder Deutsche trank 2008 durchschnittlich rund 111 Liter Bier, 0,6 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Dagegen wurde Sekt beliebter. Der Verbrauch von Schaumweinen stieg um 2,6 Prozent auf 3,9 Liter. Der Weinkonsum nahm um 0,5 Prozent auf 20,7 Liter zu.

Von riskantem Trinken sprechen die Experten, wenn Frauen umgerechnet mehr als 12 Gramm reinen Alkohol pro Tag trinken, also etwa ein Viertelliter Bier. Bei Männern ist diese Grenze bei der doppelten Menge, 24 Gramm pro Tag, erreicht.

Von Komatrinken sind vor allem Jugendliche, aber auch Senioren bedroht. Im Jahr 2008 mussten rund 25 700 Kinder und Jugendliche ins Krankenhaus gebracht werden, eine Steigerung um fast das Dreifache im Vergleich zu 2000. Noch deutlicher ist der Anstieg bei Senioren. Rund 430 Menschen zwischen 80 und 85 Jahren wurden eingeliefert, mehr als dreimal so viele wie im Jahr 2000. Von der Bundesregierung fordert die DHS eine großangelegte Kampagne gegen Alkohol.

Der volkswirtschaftliche Gesamtschaden durch Alkoholkonsum werde pro Jahr auf 24,4 Milliarden Euro geschätzt, sagte DHS-Geschäftsführer Raphael Gaßmann. Demgegenüber stünden Einnahmen aus der Alkoholsteuer von rund 3,5 Milliarden Euro. Für die Alkoholwerbung gebe die Industrie wiederum jährlich rund eine Milliarde Euro aus.

Dazu kommt laut DHS der enge Zusammenhang zwischen Alkohol und Gewalt. Drei von zehn aufgeklärten Gewaltdelikten 2008 wurden unter Alkoholeinfluss verübt, das waren rund 52 381 Fälle, sagte DHS-Projektmanagerin Christina Rummel. Opfer seien zumeist Frauen und Kinder im familiären Bereich. Bei von Jugendlichen verübten Gewalttaten standen durchschnittlich 25 Prozent der Tatverdächtigen unter Alkoholeinfluss. Ein Drittel der Jungen zwischen 13 und 17 Jahren würden schneller zuschlagen, wenn sie getrunken haben. Bei den Mädchen seien es sogar zwei Drittel.

Erste Erfolge in der Suchtbekämpfung zeichnen sich laut Gaßmann dagegen beim Rauchen ab. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Zigaretten ging 2008 von 1112 auf 1068 Stück zurück – also von 3 auf 2,9 Zigaretten pro Tag. "Wir haben eine veränderte gesellschaftliche Einschätzung zum Rauchen", sagte Gaßmann. Das Rauchverbot in Gaststätten und der Bahn, die höhere Tabaksteuer und das Werbeverbot in Zeitungen, Zeitschriften und im Internet hätten dazu beigetragen. Bis zu 140 000 Todesfälle gebe es jedoch noch immer durch Rauchen.

Die Suchtexperten zeigten sich besorgt über etwa zwei Millionen Menschen, die von Medikamenten abhängig seien. Dies sei immer mehr ein Problem Älterer, vor allem von Frauen. Fünf Prozent aller Arzneimittel könnten potenziell süchtig machen.

70 Prozent aller Medikamente in Deutschland würden von Senioren eingenommen. 1,7 bis 2,8 Millionen der Über-60-Jährigen würden mittlerweise einen problematischen Gebrauch psychoaktiver Medikamente aufweisen. Die exzessive Einnahme der Schlaf- und Schmerzmittel führe bei den alten Menschen häufig zu Stürzen unter anderem mit komplizierten Oberschenkelhalsfrakturen.

Durch die steigende Medikamentenabhängigkeit im Alter entstehen nach Einschätzung der Suchtexperten dem Gesundheitssystem gewaltige Mehrkosten. (epd/dpa)