Z: Schönebeck ZS: SBK PZ: Wernigerode PZS: WR Prio: höchste Priorität IssueDate: 22.04.2010 22:00:00


Der moralische Absturz der katholischen Kirche soll mit dem spektakulären Rücktrittsgesuch des Augsburger Bischofs Walter Mixa gestoppt werden. Die Deutsche Bischofskonferenz geht jetzt in die Offensive und hofft, dass die größte Vertrauenskrise der Kirche seit dem Krieg überwunden werden kann. Dies machte der Vorsitzende, Erzbischof Robert Zollitsch, gestern vor der Presse in Bonn deutlich und sprach von einem "Neuanfang", der nun ermöglicht werde.

Seit Ende Januar jagte eine Hiobsbotschaft die nächste, wurden täglich neue Missbrauchsskandale bekannt. Die Zahl der Kirchenaustritte soll, wie aus Kirchenkreisen verlautet, sich allein im März in manchen Diözesen wie Augsburg mehr als verdoppelt haben – im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Rückblende: Mit dem Missbrauchsskandal an dem Elite-Gymnasium Canisius in Berlin beginnt Ende Januar die nach Ansicht hoher Kirchenvertreter schlimmste Vertrauenskrise seit dem Krieg. In der Öffentlichkeit setzt sich eine für die Kirche verheerende Einschätzung durch: Die oft Jahrzehnte zurückliegenden Missbrauchsskandale wurden verheimlicht, vertuscht oder verharmlost.

Viele Anrufe

Das Weiterleiten solcher Taten an die Staatsanwaltschaften ist in Deutschland gesetzlich nicht zwingend geboten, die Kirche nutzte diesen Spielraum – meist mit dem Argument des Opferschutzes. Kritiker sprechen dagegen von klerikalem Korpsgeist.

Die Krise erreicht Papst Benedikt XVI. In seiner Zeit als Münchner Erzbischof wurde ein pädophil auffällig gewordener Priester aus dem Bistum Essen als Seelsorger im Erzbistum München eingesetzt – heute heißt es, allein der damalige Generalvikar trage dafür die Verantwortung. Die "New York Times" wirft Joseph Ratzinger vor, als Präfekt der Glaubenskongregation Fälle von sexuellem Missbrauch nicht konsequent genug verfolgt zu haben. Das bezieht sich auf die USA, aber die Skandale in Irland, Österreich oder Deutschland machen das Ausmaß des Problems in der katholischen Weltkirche bewusst.

Der Vatikan schießt verbal zurück, verurteilt die Berichterstattung der "New York Times" als falsch. Am Ostersonntag muss ein hoher Kardinal sogar vor der Messe und dem päpstlichen Segen urbi et orbi versichern, Benedikt habe die Loyalität der Kirche, man solle nichts geben auf das "Geschwätz des Augenblicks" – eine beispiellose Solidaritätsadresse, die sich der Vatikan selbst gibt.

Die Kirche liegt moralisch am Boden. Es geht um Schadensbegrenzung. Die deutschen Bischöfe versprechen als erste Maßnahme schonungslose Aufklärung. Der Trierer Bischof Ackermann wird zum Beauftragten für Missbrauchsfälle ernannt. Er lässt eine Hotline schalten für die Opfer. Die Leitungen brechen zusammen. Mehr als 17000 Anrufversuche werden in den ersten drei Wochen registriert.

Nach anfänglichen Auseinandersetzungen mit Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) rauft man sich zusammen. Der Runde Tisch zum Thema Missbrauch wird am heutigen Freitag in Berlin erstmals zusammenkommen.

Der Fall Mixa behinderte die Bemühungen der Bischöfe, wieder Vertrauen zu gewinnen. Nach dem Dementi, niemals Kindern und Jugendlichen Gewalt angetan zu haben, musste Mixa dann doch einräumen, Ohrfeigen als Stadtpfarrer gegeben zu haben. Hinzu kommen ungeklärte finanzielle Ungereimtheiten.

Ein Bischof, der lügt? In der Kirche mehrten sich Stimmen, die Mixa als untragbar bezeichneten. "So etwas wird nicht in Zeitungen betrieben, sondern mit den Verantwortlichen in Deutschland und Rom", sagte der Nuntius in Berlin, Jean-Claude Périsset. Papst Benedikt habe schon als Präfekt der Glaubenskongregation in puncto sexueller Missbrauch "null Toleranz" als Linie vertreten und in verschiedenen Vatikan-Dokumenten dies deutlich gemacht, betonen Kirchenvertreter.

Ob das am selben Tag bekanntgewordene Rücktrittsangebot Mixas der Kirche entscheidend hilft, wieder Vertrauen zu gewinnen, ist offen.(dpa)