Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 31.03.2010 22:00:00


Von Kristina Dunz und Gerd Reuter

Die CDU hatte große Pläne für den 80. Geburtstag ihres langjährigen Vorsitzenden. Doch Helmut Kohl, dem "Rekord-Kanzler" und vor allem "Kanzler der Einheit", geht es zu schlecht, als dass er am 3. April reisen oder reden wollte. Nach einer Knie- Operation stürzte er in seinem Haus in Oggersheim im Jahr 2008 und verletzte sich dabei schwer am Kopf. An den Folgen leidet er noch immer. Erst im Mai wird es eine zentrale Feier in seiner Geburtsstadt Ludwigshafen für den Mann geben, der wie kein anderer mit der Nachkriegsgeschichte der CDU verbunden ist und für ihre Höhen und Tiefen steht.

Kohl hat viele Titel. Einige sind spöttisch. Da ist die "Walz aus der Pfalz" oder "Birne", was auf Körperform und -fülle anspielt. Andere beschreiben seine wohl dunkelste persönliche politische Zeit. Da ist er der "Bimbes-Kanzler" oder "Herrscher über schwarze Kassen" – wegen der CDU-Spendenaffäre, die die Partei und die ganze Republik erschütterte und Kohl vom Thron stürzte. Der Übervater der Partei, der sein Ehrenwort über das Recht stellte, verlor so den Ehrenvorsitz seiner CDU.

Spender verschwiegen

Bis heute verschweigt er die Namen jener Spender, von denen er Geld am Gesetz vorbei für die Parteiarbeit angenommen hatte. Deshalb hält es manch einer bis heute für möglich, dass es diese Spender nie gab und das Geld aus dubiosen Quellen stammte.

Die dritte Kategorie verankert ihn in der Geschichte, und von glühenden Anhängern über kritische Journalisten bis zu erbitterten Gegnern spricht ihm diesen Platz niemand ab. Daran ändert sich nichts, auch wenn Kohl selbst die Spendenaffäre als Kampagne gegen sich gewertet hat, die seine Leistungen diskreditieren solle. Kohl ist "Rekord-Kanzler" (1982 bis 1998) und "Rekord Parteichef" (25 Amtsjahre). Er ist ein "glühender Europäer" und einer der wichtigsten Architekten Europas. 1991 war er im niederländischen Maastricht einer der Protagonisten bei der Gründung der Europäischen Union. Und er ist eben der "Kanzler der Einheit".

Kohl hatte immer an die Wiedervereinigung geglaubt und die historische Chance dann gegen Widerstände im In- und Ausland ergriffen. Dafür führte er zähe Verhandlungen mit Michail Gorbatschow, in Washington mit US-Präsident George Bush, in Paris mit Präsident Francois Mitterrand und in London mit Premierministerin Margret Thatcher.

Gekrönt wurde sein Lebenswerk am 3. Oktober 1990. Vor dem Berliner Reichstag feierte Deutschland die Wiedervereinigung. Ein Foto von damals zeigt Kohl zwischen seiner Frau Hannelore und Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Kohl streckt den Kopf zum Himmel. Seine Augen sind geschlossen, ein leichtes Lächeln ist zu sehen. Er wirkt glückselig. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls sagte Kohl im Vorjahr: "Ich hab‘ allen Grund, bei allem Ärger und Verdruss, stolz zu sein. Ich hab‘ nichts Besseres, stolz zu sein, als auf die deutsche Einheit stolz zu sein."

Eierwürfe in Halle

"Blühende Landschaften" werde es im vereinten Deutschland geben, versprach er damals den Bürgern der DDR. Doch schon bald wurde den Menschen in Ost und West klar, dass alles viel langsamer wachsen und zusammenwachsen würde als erhofft. 1991 bewarf ein Mann den Kanzler in Halle an der Saale mit Eiern. Nicht nur am Kopf, auch im Herzen getroffen wollte sich Kohl auf den Werfer stürzen. Seine Leibwächter konnten ihn nur mit Mühe davon abhalten.

Kohls Vater war beamteter Steuersekretär, die Mutter Hausfrau. Der Zweite Weltkrieg, die Not und der Tod seines älteren Bruders Walter in den letzten Kriegstagen prägten ihn. 1960 heiratete er die Diplom-Dolmetscherin Hannelore Renner. Das Ehepaar bekam zwei Söhne – Walter und Peter. 2001 nahm sich Hannelore Kohl nach Jahren des Leidens an einer unheilbaren Lichtallergie in ihrem Haus das Leben.

Sieben Jahre später schloss Helmut Kohl seine zweite Ehe mit der Regierungsdirektorin Maike Richter. Mit der Hochzeit veränderte sich vieles in seinem Umfeld. Menschen, die ihn jahrzehntelang bewundert, begleitet und gestützt hatten, waren zu dieser Eheschließung nicht eingeladen – auch nicht Ex-Bürochefin Juliane Weber oder seine politische "Allzweckwaffe" Eduard Ackermann. Seine Söhne erfuhren davon per Telegramm.

Mehr als 40 Jahre war Kohl Parlamentarier, zuerst im Mainzer Landtag und seit 1976 im Bundestag. Sieben Jahre war er Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Wie vor ihm Konrad Adenauer (CDU) und Willy Brandt (SPD) prägte er als Kanzler Deutschland. Als erster deutscher Kanzler war er durch ein konstruktives Misstrauensvotum am 1. Oktober 1982 an die Macht gekommen. Die sozial-liberale Koalition unter Helmut Schmidt (SPD) hatte abgewirtschaftet, war unter anderem an der Nachrüstung – der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen – gescheitert.

Mit einer "geistig-moralischen Wende" wollte Kohl eine neue Epoche in Deutschland einleiten. Dass er 1990 wiedergewählt wurde, hatte er Analysten zufolge der Wiedervereinigung zu verdanken. Bis zu seiner Wahlniederlage 1998 gegen Gerhard Schröder (SPD) war kein Regierungschef der westlichen Welt länger an der Macht als er. Eine ganze Generation hatte bis dahin keinen anderen Bundeskanzler erlebt.

Freund-Feind-Schema

Kohl kann Menschen mit Wärme, Fürsorge und Protektion für sich einnehmen. Sein langer Arm beförderte Karrieren – und vernichtete sie. Eigentlich kennt er nur Freund oder Feind. Für Zwischentöne hatte er kaum Antennen. Sah er einen Menschen als Gegner, war dessen politische Zukunft meistens schon Vergangenheit. Wen er als Talent ansah, stieg auf. So Angela Merkel (sein "Mädchen"), die er gleich 1991 zu seiner Bundesfrauenministerin machte. Wie stark sie werden würde, mag er nicht abgesehen haben. Merkel war es, die ihn dann 1999 als CDU-Generalsekretärin wegen der Spendenaffäre zum Rückzug aufforderte.

Merkel wird Kohl bei der zentralen Geburtstagsfeier am 5. Mai würdigen. Wirkliche Versöhnung wird es nicht geben, heißt es im Umfeld der beiden Politgrößen. In einem ARD-Porträt über Kohl sagte Merkel auf die Frage, ob die CDU ihm wieder den Ehrenvorsitz antragen könnte: "Diese Frage stellt sich nicht mehr."(dpa)