Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 13.04.2010 22:00:00
Von Ruppert Mayr

Anfang 1965 steht der Fraktionschef der CDU im rheinland-pfälzischen Landtag vor der Tür des Boehringer-Managers Richard von Weizsäcker in Ingelheim. Der erst 35-jährige Helmut Kohl will den zehn Jahre Älteren quasi in die Politik "abholen". Weizsäcker, seit 1954 CDU-Mitglied, sagt ab. Bei der Wahl 1969 kann er aber nicht mehr widerstehen.

Kohl versuchte damals, die katholisch und kleinbürgerlich geprägte CDU zu einer modernen Volkspartei zu machen. Weizsäcker schien da gerade recht. Der Freiherr, am 15. April 1920 in Stuttgart geboren, stammt aus dem schwäbischen Bildungsbürgertum, wächst im "preußischen" Berlin heran, gilt als liberal-konservativ und pflegt als Diplomaten-Sohn eine gewisse Weltoffenheit. Er ist ein Mann aus der Wirtschaft, Protestant und Kirchentagspräsident – und ein brillanter Redner. Die Vorteile, die Kohl damals noch in der Person Weizsäcker sah, führten letztlich zum Zerwürfnis zwischen dem Parteipatriarchen und dem "eigensinnigen" Intellektuellen. Kohl wirft Weizsäcker vor, er habe vergessen, dass er auf der Par- teischiene Karriere gemacht habe. Weizsäcker lässt im Gegenzug nicht ganz uneitel durchblicken, die CDU könne sich mit ihm brüsten. Er bleibt stets auf Distanz zum Parteiensystem.

In der Tat sorgte aber Kohl dafür, dass Weizsäcker schnell Karriere macht. Bei der Bundestagswahl 1969 bekommt er einen sicheren Listenplatz, 1979 wird er Bundestagsvizepräsident. 1981 erringt Weizsäcker im zweiten Anlauf das Bürgermeisteramt in Berlin. Die Sozialdemokraten müssen zur Kenntnis nehmen, dass dem CDU-Mann gelingt, was der SPD weder zuvor in Berlin noch danach in Hamburg gelang: die Beruhigung der militanten Hausbesetzerszene.

In Berlin erbringt Weizsäcker den Nachweis, dass er nicht nur der Mann für das intellektuell Feinsinnige, sondern auch für das politisch Grobe sein kann. Doch entgegen seiner Zusicherung, Berlin als "Lebensaufgabe" zu sehen, drängt er drei Jahre später – gegen den Widerstand Kohls – ins Bundespräsidentenamt. Auch hier ist es der dritte Anlauf und ein Zeichen mehr, dass Weizsäcker in seiner politischen Laufbahn nicht immer nur geschoben werden musste.

Kaum ein Jahr im Amt bietet er mit seiner historischen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 eine Demonstration seiner Überparteilichkeit und Eigenständigkeit. Der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung – das Kriegsende sei nicht mehr nur als Niederlage zu verstehen, sondern als Befreiung "von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" und als neue Chance. Flucht und Vertreibung dürften nicht losgelöst von der "Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte", gesehen werden.

Beobachter meinen, die Gedanken seien damals nicht völlig neu gewesen. Dass sie jedoch von einem Bundespräsidenten zu einer Zeit vorgetragen wurden, da sein eigenes konservatives Lager zum Teil noch weit von derlei Erkenntnis entfernt schien, gab der Rede eine andere Dimension. Die Rede untermauerte die bis heute hohe Anerkennung Weizsäckers auch im Ausland. Das Bild des Präsidenten verklärte sich in der Bevölkerung früh zu einer Art Idealtypus eines Staatsoberhaupts.

Die Rede ist auch Ergebnis der Auseinandersetzung mit seinen eigenen Kriegserlebnissen und dem Wirken von Vater Ernst als Außenamts-Staatssekretär unter den Nazis. Als Jurastudent unterstützt Richard 1948/49 die Verteidiger des Vaters in den Kriegsverbrecherprozessen. Der Familie Weizsäcker geht es dabei auch um die Deutungshoheit über die umstrittenen Vorgänge. Dennoch scheint Richard von Weizsäcker schon wenige Jahre nach dem Krieg "der deutschen Öffentlichkeit an Bereitschaft zu selbstkritischer, geschichtspolitischer Reflexion um Jahrzehnte voraus" ("Spiegel").

Weizsäcker hegte für die Ost-Politik Willy Brandts grundsätzlich Sympathien. Dankbar zeigte er sich, dass die Wiedervereinigung in seine zehnjährige Amtszeit als Bundespräsident fiel. Trotz grundsätzlicher Würdigung der Entscheidungen Kohls: Die ökonomische Bewältigung der Einheit bewertet er kritisch. Die Politik habe die Bundestagswahl im Dezember 1990 im Blick gehabt und den Wählern im Westen vorgemacht, "die Vereinigung kostet euch nichts". Deutschland zahlt heute noch.(dpa)