Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 18.04.2010 22:00:00
Von Hanns-Jochen Kaffsack

Am 19. April 2005 steigt weißlicher Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle. "Habemus Papam" – wir haben einen Papst. Erst zweieinhalb Wochen zuvor hatten Millionen den charismatischen polnischen Pontifex beweint, Johannes Paul II., gestorben 84-jährig nach langem Leiden. Nun tritt abends im päpstlichen Gewand der Mann auf den Balkon des Petersdoms, der knapp ein Vierteljahrhundert lang der mächtige Kardinal hinter Karol Wojtyla war: In einem eher kurzen Konklave haben die Kardinäle Joseph Ratzinger drei Tage nach dessen 78. Geburtstag an die Spitze der katholischen Kirche gewählt. "Wir sind Papst!" titelt die "Bild"-Zeitung?

Ein halbes Jahrzehnt später sind die Gefühle gemischt. Jener brillante bayerische Theologieprofessor, der gar nicht Papst werden wollte, hatte mit seiner freundlichen und zurückhaltenden Art zunächst die Massen der Gläubigen in seinen eher unspektakulären Bann gezogen. Dann sorgten kritische Worte des renommierten Denkers, der für sich den Papstnamen Benedikt XVI. gewählt hatte, für Aufruhr bei Muslimen. Kommunikationspannen des Vatikans verschlimmerten die Krise rund um die Wiederannäherung Roms an die erzkonservativen Pius-Brüder mit dem Holocaustleugner Richard Williamson. Später verbreiterte das häppchenweise Aufdecken sexuellen Missbrauchs die Kluft zwischen der Kirche und den Gläubigen. Kritiker bedauern einen Stillstand in der Ökumene.

"Ich bin doch nur ein einfacher, kleiner Arbeiter im Weinberg des Herrn", hatte der frisch gewählte Papst erklärt, der als Präfekt der Glaubenskongregation oft als "Panzerkardinal" oder auch "Betonkopf" angefeindet worden war. Schon als er 1981 von Johannes Paul II. in den Vatikan geholt wurde, lautete Joseph Ratzingers bis heute gültige Botschaft: "Nicht alle Meldungen, die aus Rom kommen, werden angenehm sein." Er sieht auch als Papst seine Aufgabe darin, den konservativen Kurs des polnischen Vorgängers fortzusetzen. Er will die Einheit der Kirche bewahren auch in heiklen Jahren – so gut es eben geht. Und er hält an Werten fest, die er für überlebensnotwendig hält. So blieben lange geforderte Reformen etwa beim Zölibat oder der Sexualmoral aus.

"Benedikt ist nicht gewählt worden, um das Steuer des Kirchenschiffs herumzureißen", erläutert treffend der ehemalige Ratzinger-Schüler Wolfgang Beinert auf "Spiegel Online": "Er hat eine im Wesentlichen konservative Persönlichkeitsstruktur." Und so bleibt er der ablehnenden Haltung zu Abtreibung, Sterbehilfe und Kondomen gegen AIDS treu, betont weiter die "Einzigartigkeit" seiner Kirche und lässt begrenzt liturgische Formen aus der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) wieder zu.

Neben dem Missbrauchsskandal lastet die Krise um die Pius-Brüder bleiern auf dem Pontifikat – und legt vatikanische Defizite offen. Mit der umstrittenen Rücknahme der Exkommunikation der Pius-Bischöfe durch Benedikt schießt der Vatikan ein glattes Eigentor, wurde doch "übersehen", dass sich darunter der Holocaust-Leugner befand.

"Wenn solche Dinge vom Vatikan rechtzeitig erklärt worden wären, hätte man sie vielleicht auch besser verstehen können", meinte der langjährige Chef der deutschen Sektion von Radio Vatikan, Eberhard von Gemmingen. Benedikt selbst sei eine reine Seele (anima candida), also oft weit weg von der Realität. Im Elfenbeinturm? Gemmingen meint allerdings auch, im deutschsprachigen Raum rege man sich zu sehr über "Nebensächlichkeiten" auf, anderswo sehe man die Kirche ganz anders.

"Praktisch ist der Krisenzustand permanent", sagt der Vatikan-Kenner der Zeitung "La Repubblica", Marco Politi, der dpa. Und er spricht von mangelnder Führungskraft: "Hat man kein Fingerspitzengefühl fürs Regieren, gibt es immer Probleme." Fehlt dem Professor Ratzinger dafür das Talent?

Wandel im Vatikan braucht Zeit, und der Papst scheint mehr auf eine innere Erneuerung des Menschen statt auf Strukturreformen der Kirche im 21. Jahrhundert zu setzen. Umgänglicher ist er geworden, er trifft junge Menschen gern – und mehrfach auch Missbrauchsopfer.

Den Kurs will er halten, die Reihen schließen, während seine Milliarden-Kirche in Asien und Afrika wächst. Den großen Reform-Wurf dürfte wohl kaum jemand von dem Papst erwarten. Mehr Krisen drohen, in denen wohlmeinende Enzykliken wie "Gott ist Liebe" und "In der Hoffnung gerettet" kaum Dämme bauen dürften. Wie er Christ-Sein im Kern verlangt, das schafft Probleme.(dpa)