Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 20.04.2010 22:00:00
Die Städtischen Werke Magdeburg (SWM) wollen mit dem Windanlagenbauer Enercon zukünftig gemeinsam eine E-126-Windkraftanlage betreiben, die derzeit auf dem Magdeburger Werksgelände von Enercon errichtet wird. Windkraft wurde bislang seitens der SWM als netztechnisch problematisch kritisiert. Kommt jetzt die Kehrtwende? Volksstimme-Redakteur Oliver Schlicht sprach darüber mit SWM-Geschäftsführer Helmut Herdt.

Volksstimme: Herr Herdt, jahrelang haben die SWM den Bau von Windkraftanlagen kritisiert. Und nun bauen Sie das weltweit größte Windrad. Wie passt das zusammen?

Helmut Herdt: Unser Engagement resultiert sehr stark aus unserer Kritik an den gesetzlichen Rahmenbedingungen, dem Erneuerbaren Energiegesetz (EEG). Dieses Gesetz hat zu stetig wachsenden Standortnachteilen durch steigende Netzentgelte und zu Netzproblemen geführt. Jetzt wollen wir aus dem Blickwinkel des Anlageneigentümers und Netzbetreibers konkrete Vorschläge zur Anpassung dieser Gesetze entwickeln. Diese angestrebte Partnerschaft ist ein klares Bekenntnis an Enercon als SWM-Kunde und als erfolgreiches Unternehmen am Standort Magdeburg. Um Missverständnisse zu vermeiden, sei klargestellt: Die SWM werden nicht Betreiber dieser Windkraftanlage sein. Betreiber ist eine Gesellschaft namens "Enercon Windpark GmbH & Co. Rothensee KG".

Volksstimme: An der die SWM beteiligt sind?

Herdt: SWM und Enercon planen, dass SWM als Minderheitsgesellschafterin in diese Betreibergesellschaft einsteigt. Diese Betreibergesellschaft wird die Windenergieanlage bei Enercon in Auftrag geben und diese dann auch im Eigentum haben.

Volksstimme: Es scheint, als wollen die SWM ein Stück vom Kuchen der Windenergieförderung abbekommen?

Herdt: Das würde ich so nicht sagen. Die neue Anlage mit ihrer Leistung von 7,5 Megawatt wird schon im Vergleich zu den über 1000 MW installierter Windleistung in der Region das Förderaufkommen kaum verändern. Wir sind ausdrückliche Befürworter einer nachhaltigen Entwicklung der Energieerzeugung aus alternativen Quellen. Die Energieerzeugung aus fossilen Quellen kann sich langfristig nur verteuern, da die Ressourcen sich schneller verknappen als wir Energie einsparen können. Aber die heutige Systematik der Förderung beinhaltet systemimmanente grobe Fehler. Das wird von uns nach wie vor kritisiert.

Volksstimme: Was genau meinen Sie?

Herdt: Wir sind überzeugt, dass es Modelle gibt, die die Förderung und die Verteilung der Kosten sachgerechter vornehmen als das heutige EEG. Dieses Gesetz legt nur fest, für welche Stromerzeugungsart welche Vergütungssätze zu zahlen sind. Oft liegen diese Sätze weit über denen, die ein Magdeburger Haushalt für Strom ausgibt. Je nach technischer Entwicklung – jetzt waren die Fotovoltaik-Hersteller gerade aktuell – wird die Errichtung einer solchen Anlage für Investoren sehr interessant und es entsteht ein Wildwuchs. Wir sind davon überzeugt, dass die erneuerbaren Energien sich nur mit einer Förderung entwickeln, aber diese müssen wirtschaftlich motiviert sein, an der gesamten Systemstabilität mitzuwirken. Dazu ist eine Umkehr des heutigen Transportentgeltsystems – die sogenannten Netzentgelte – erforderlich.

Volksstimme: Ändert sich für den Stromkunden etwas?

Herdt: Durchaus. Heute bezahlt der Endkunde in seinem Strompreis auch einen erheblichen Anteil Netzentgelte, zukünftig sehen wir die Zahlung der Netzentgelte bei den Erzeugungsanlagen, also bei allen Kraftwerken vom Braunkohlenblock bis zur Windkraftanlage. Dabei soll eine Windkraftanlage durchaus auch eine höhere Vergütung als heute erhalten, wenn diese dabei geholfen hat, die aktuelle Erzeugungsgesamtleistung dem aktuellen Kundenbedarf anzupassen. Das spart auch viele Investitionen in sehr lange und aufwändige Stromleitungen zum Ab- oder Antransport der gerade notwendigen Lasten.

"Wir erhoffen uns einen sehr viel transparenteren Einblick"

Volksstimme: Aber unabhängig von den förderpolitischen Bedingung wurden in der Vergangenheit von den SWM immer wieder netztechnische Probleme angeführt, die von der schwankenden Windenergieeinspeisung verursacht wird. Nun speisen Sie bald selbst Windenergie in das Netz ein. Warum?

Herdt: Die Mitarbeit in der Gesellschaft gibt uns die Möglichkeit, technische Entwicklung voranzutreiben, um die Physik in den Netzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dabei ist es für uns interessant, als Netzbetrieb mit einem Windkraftanlagenbauer in einer Gesellschaft zusammenzuarbeiten. Wir haben das Interesse, gemeinsam mit Enercon die genauen technischen und wirtschaftlichen Parameter dieses Prototyps genauer zu untersuchen, denn diese spezifischen Erkenntnisse fehlen uns noch. Wir erhoffen uns, als Mitglied einer Betreibergesellschaft einen sehr viel transparenteren Einblick zu bekommen, wie schnell zum Beispiel eine Windkraftanlage auf kritische Netzzustände reagiert? Oder welche wirtschaftlichen Nachteile entstehen beim Betreiber einer solchen Anlage tatsächlich, wenn das Netz zeitweise nicht aufnahmefähig ist? Aber auch welche positiven Effekte kann eine Windkraftanlage zur Netzstützung liefern?

Volksstimme: Schließt sich eine Partnerschaft zwischen einem Erzeuger von geförderter Windenergie und dem Betreiber eines Stromnetzes nicht naturgemäß aus? Etwas provokativ formuliert: Die SWM werden per Gesetz verpflichtet, teuren Strom zu kaufen, der auch noch die Netze destabilisiert. Den Windkraftanlagenbetreiber wiederum interessiert keine Netzlogistik, sondern nur der Verkauf von Strom.

Herdt: Richtig ist, dass nach der heutigen Gesetzeslage der Netzbetreiber und der Windkrafterzeuger mit völlig unterschiedlichen Interessen gegenüberstehen. Der Windkrafterzeuger will seinen Gewinn optimieren, und der Netzbetreiber muss davon völlig unberührt die Systemstabilität sichern. Beiden fehlt vollständig die Motivation, da jeder wirtschaftliche Anreiz fehlt, aufeinander einzugehen, obwohl unbestreitbar nur durch Kooperation die wechselseitig bestehenden Probleme gelöst werden können. Daher macht eine Zusammenarbeit gerade hier einen Sinn.

Volksstimme: Bislang wurde ihrerseits argumentiert, dass viel regenerative Energie den Strompreis verteuert. Ändert sich das jetzt, wo sie doch bald selbst Windenergie erzeugen?

Herdt: Wenn sich unter den aktuellen Bedingungen der Windstromförderung die Entwicklung zu einem immer größeren Anteil von regenerativer Energie fortsetzt, hat das Kostensteigerungen zur Folge, die in absehbarer Zeit die Endverbraucherpreise für Elektrizität deutlich wachsen lassen. Wir sehen Potenziale, diese Entwicklung zu dämpfen. Zu beseitigen ist sie nicht.

Volksstimme: Und trotzdem suchen die SWM die Zusammenarbeit?

Herdt: Wir verfolgen das Ziel, mit Enercon die Rahmenbedingungen von der Erzeugung bis zur Vermarktung weiterzuentwickeln. Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit auch nicht neu. Schon heute besteht eine Kooperation bei der Vermarktung von Windstrom. Wir kaufen von Enercon die gesamte Stromerzeugung einer anderen Magdeburger Windkraftanlage und unterbreiten auch mit diesem Strom unser Angebot für Privatkunden – das Produkt heißt "SWMNaturStrom".

Dieser nicht geförderte Strom ist teurer als konventionell erzeugter Strom, aber die Mehrkosten werden teilweise von den SWM und von umweltbewussten Kunden über den höheren Preis getragen. Also: Auch bei der Vermarktung sind wir auf der Suche nach Lösungen und entwickeln Wege, die ohne gesetzliche Förderung auskommen. Wir denken, das ist der richtige Weg.

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