Nicht jedes Haus kann unter Denkmalschutz gestellt und erhalten werden. Aber auch in schrumpfenden Städten sollten die verschiedenen prägenden Bauepochen erkennbar bleiben – auch aus der DDR-Geschichte. Der Rostocker Architekt Michael Bräuer, Vorsitzender der Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz beim Bundesbauministerium, plädiert für gleichermaßen Behutsamkeit und Realitätssinn beim Stadtumbau. Es fragte Ute Semkat.

Volksstimme: Im Lenkungsausschuss der Internationalen Bauausstellung IBA Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010 haben Sie über acht Jahre die Veränderungen in den 19 IBA-Städten mitverfolgt. Welches Ergebnis ist übertragbar auf die europäische Stadtentwicklung?

Michael Bräuer: Sachsen-Anhalt hat sich als bisher einziges Bundesland so aktiv mit den aktuellen Problemen der Stadtschrumpfung auseinandergesetzt. Alle anderen Länder begnügen sich mehr oder weniger mit den Bundesförderprogrammen und darauf aufbauenden Länderprogrammen. Das Übertragbare aus Sachsen-Anhalt sind nicht die Einzelergebnisse und nicht, was in den 19 IBA-Städten Neues gebaut worden ist. Es ist die praktizierte Verfahrensweise, dass man in Sachsen-Anhalt die demografisch bedingte Situation als Chance begreift und aus dieser Chance etwas macht. Davon erhoffe ich mir in den kommenden Monaten eine breite Diskussion auf Bundes- und auch auf Europaebene.

Volksstimme: Aber zum Beispiel Remscheid kann nicht einfach übernehmen, was in Dessau funktioniert?

Bräuer: Nein, das ist nicht das Ziel. Jede Stadt hat ihre eigenen Bedingungen. Sie muss selbst ausloten, welche Potenzen sie hat, was sie daraus entwickeln kann und wo sie das wenige Geld sinnvoll einsetzen kann für eine Entwicklung, die Zukunft hat. Und sie muss auch lernen, auf das zu verzichten, was keine Zukunft hat. Dazu braucht sie eine integrierte, also ganzheitliche Stadtentwicklungsplanung.

Was andere Städte auf jeden Fall von Sachsen-Anhalt lernen können und was in den IBA-Städten beispielhaft gelungen ist – das ist die Einbeziehung der Bürger in den Stadtumbau.

"Denkmäler rutschen weg"

Volksstimme: Im Prozess der IBA haben viele historische Stadtzentren ihren Grauschleier abgelegt. Aber wie soll mit der Denkmalsubstanz umgegangen werden, wenn der Leerstand überhand nimmt?

Bräuer: Das muss in jedem Einzelfall in einem vertrauensvollen Miteinander von Stadt und Denkmalpflege entschieden werden. Und es ist auf jeden Fall richtig, dass um jedes Denkmal gekämpft wird. Leider verlassen sich manche Denkmalpfleger nur auf die Gesetze und ziehen dann einfach diese Karte. Aber auch sie müssen sich den Realitäten stellen. Ich bin fest überzeugt, dass es Städte geben wird, die sich von einem Teil ihrer Baudenkmäler trennen müssen, weil diese ihnen früher oder später von allein wegrutschen. Keine Stadt und kein Investor werden es sich künftig leisten können, einen Cent in ein Gebäude zu stecken, wenn keine Nutzungsmöglichkeit erkennbar ist.

Etwa 70 Prozent der denkmalgeschützten Substanz in den innerstädtischen Erhaltungsgebieten sind saniert und werden in der Regel auch wieder genutzt. Bei den 30 Prozent, die noch nicht wiederhergestellt sind, muss sich jede Stadt die Frage stellen: Was ist prägend für unser Stadtensemble und damit unverzichtbar? Wenn eine Sanierung dieser Gebäude in absehbarer Zeit nicht machbar ist, gibt es Fördermöglichkeiten zur Substanzsicherung bis hin zur Vollfinanzierung dieser Sicherung durch den Bund.

Volksstimme: Zu den IBA-Städten gehört Quedlinburg mit seinem Welterbe-Status. Wie kann eine kleine Stadt die finanzielle Bürde von soviel Denkmal-Reichtum schultern?

Bräuer: Auch Quedlinburg wird leider nicht jedes Haus halten können. Für die Stadt ist es aber ein Glücksfall, dass sie jetzt erst einmal vom Bund 10,8 Millionen Euro aus dem UNESCO-Welterbeprogramm erhalten hat, das im Rahmen des Konjunkturpakets aufgelegt worden ist. Insgesamt gibt es für die deutschen Weltkulturerbestätten 150 Millionen Euro bis zum Jahr 2013. Das muss erst einmal verbaut werden.

Danach muss diese Förderung aber als stetige Finanzierung weitergeführt werden. Vor 2009 hat der Bund keinen einzigen Euro für seine UNESCO-Stätten ausgegeben. Sie müssen aber einen eigenen Titel im Bundeshaushalt bekommen. Schließlich ist die Bundesrepublik Deutschland Mitglied der UNESCO und nicht Quedlinburg oder Sachsen-Anhalt.

Volksstimme: Halle-Neustadt ist noch kein halbes Jahrhundert alt. Wie denkmalwürdig ist die DDR-Plattenbauarchitektur?

Bräuer: Es geht hier um ein historisches Bewusstsein für bestimmte Etappen der Stadtentwicklung, und dafür ist Halle-Neustadt in meinen Augen unverzichtbar – als Ergebnis systematischer Planung und als gebauter Stadtkörper. Abgesehen davon kann man die Neustadt nicht von heute auf morgen überflüssig machen, indem alle ins alte Halle umgesiedelt werden.

Was die Denkmalwürdigkeit betrifft – offenbar braucht es immer mindestens eine Generation Abstand, um das zu bewerten. Hätten Sie vor 30 Jahren gedacht, dass die Berliner Stalinallee unter Denkmalschutz gestellt wird? (A.d.R.: sogenannter sozialistischer Klassizismus oder auch "Zuckerbäckerstil" der 1950er Jahre).

Halle-Neustadt ist eine der kompletten Stadtgründungen in der DDR. Wie auch Eisenhüttenstadt, als Wohnstadt des dortigen Hüttenwerks auf der grünen Wiese gebaut. Das "historische" Zentrum von Eisenhüttenstadt, der erste Bauabschnitt, steht schon seit 1984 unter Denkmalschutz. Aber Halle-Neustadt ist noch eine ganz andere Größenordnung. Man muss nicht die gesamte Großsiedlung unter Denkmalschutz stellen, und dort wird ja seit einigen Jahren auch nicht zu knapp geschrumpft. Aber bestimmte Areale, die für die Zeit ihrer Entstehung von großer Bedeutung sind, sollten wieder in Wert gesetzt werden – auch im Bewusstsein der Hallenser.

"Ich empfehle eine gewisse Sturheit"

Volksstimme: Die IBA hat den Blick für unsere schönen mitteldeutschen Städte geöffnet. Welche Fördermöglichkeiten gibt es für private Bauherren, die ein denkmalgeschütztes Haus retten und nutzen wollen?

Bräuer: Gut wäre es, wenn ein solches Haus in einem Sanierungsgebiet oder ausgewiesenen Erhaltungsgebiet der Stadt steht, denn dann greifen die Fördermittel. Außerhalb der definierten Gebiete ist es schwieriger, da helfen nur die Möglichkeiten der zehnjährigen Steuerabschreibung für selbst genutztes Eigentum.

In jedem Fall sollte jeder, der ein Denkmal sanieren will, bei der Stadt, beim jeweiligen Sanierungsträger und bei den Banken nachfragen und alle Möglichkeiten ausloten. Ich empfehle auch eine gewisse Sturheit, niemand sollte sich mit der ersten – vielleicht abschlägigen – Auskunft begnügen.