Von Tino Moritz

Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) nennt es eine einmalige Namensgeschichte. Die viertgrößte Metropole Ostdeutschlands nach Berlin, Dresden und Leipzig hieß immerhin 37 Jahre lang Karl-Marx-Stadt. Vor 20 Jahren, im April 1990, mitten zwischen Maueröffnung und deutsch-deutscher Vereinigung, entschieden sich die Bürger für die Rückbenennung in Chemnitz. Der "Nischel", der überdimensionierte Karl-Marx-Kopf im Stadtzentrum, ist freilich geblieben - und bis heute erste Adresse für Touristen.

Der letzte SED-Oberbürgermeister Eberhard Langer kann sich noch gut an die bürokratischen Hürden auf dem Weg zurück zum alten Namen erinnern. Nachdem eine im Wendeherbst gegründete Initiative "Für Chemnitz" bis Ende Januar 1990 etwa 43000 Unterschriften eingereicht hatte, wollte Langer einen Bürgerentscheid gemeinsam mit der Volkskammerwahl am 18. März oder der Kommunalwahl am 6. Mai ansetzen – beides lehnte die DDR-Wahlkommission ab. "Die Bürger kommen durcheinander mit den Stimmzetteln", lautete die Begründung, die Langer damals aus Berlin zu hören bekam.

Das schließlich gewählte Verfahren mutet heute reichlich unorthodox an. Eine Woche lange konnten die zuvor per Post mit Stimmkarten eingedeckten Karl-Marx-Städter ihr Votum im Rathaus in einer einzigen Urne abgeben, auf der mit Hand "Bürgerbefragung" gekritzelt war. Viele wählten lieber den postalischen Weg. Am 23. April wurde ausgezählt und noch am Abend das Resultat im Ost- und West-Fernsehen verkündet: 145527 Bürger und damit 76 Prozent hatten für Chemnitz votiert, 44540 für die Beibehaltung von Karl-Marx-Stadt – bei einer Beteiligung von etwa drei Viertel aller Bürger ab 18 Jahre.

Die Lokalzeitung "Freie Presse" kommentierte das Ergebnis damals so: "Zurück zu historischer Kontinuität, das ist es, was die meisten Bezirksstädter mit ihrem Willen für den alten Namen zum Ausdruck brachten. Nichts anderes und allemal etwas sehr Verständliches, zumal vor 37 Jahren niemand von ihnen gefragt worden war, ob mit oder ohne den Klassiker im Städtenamen gelebt werden will."

Tatsächlich verdankte Chemnitz seine Umbenennung nicht nur dem Eifer von SED-Funktionären. Ursprünglich sollte Eisenhüttenstadt den Beinamen Karl Marx tragen. Als Sowjetführer Stalin im März 1953 starb, wurde die Industriestadt nahe der polnischen Grenze zur Stalinstadt. Damit musste ein neuer Heimatort für den deutschen Philosophen gefunden werden. Auch Leipzig galt als Kandidat, benannte aber dann nur seine Universität nach dem Verfasser des "Kommunistischen Manifestes". So kam am Ende Chemnitz zu der Ehre.

Dass Marx nie in der Stadt war, spielte dabei keine Rolle. Die DDR-Regierung verkaufte den Namenswechsel als Auszeichnung. Viele Chemnitzer, die das Kriegsende miterlebt und den Wiederaufbau vorangetrieben hatten, hätten es damals auch als "Anerkennung ihrer Leistungen betrachtet", sagt der heute 75-jährige Langer. So wurde aus Chemnitz mit seiner etwa 800-jährigen Geschichte am 10. Mai 1953 Karl-Marx-Stadt – unter wehenden Fahnen und den Augen von 180000 "begeisterten Einwohnern", wie die offizielle DDR-Geschichtsschreibung zu einer Großkundgebung mit Ministerpräsident Otto Grotewohl vermerkte. Die "Werktätigen des Bezirkes Chemnitz" sollten sich des Namens würdig erweisen, hieß es in einem SED-Aufruf.

Trotz Rückkehr zum alten Namen, die per Beschluss der Stadtverordnetenversammlung am 1. Juni 1990 wirksam wurde und vom neuen Oberbürgermeister Dieter Noll (CDU) noch am gleichen Tag vom Rathausbalkon aus zufällig vorbeilaufenden Passanten verkündet wurde – Karl Marx blieb nicht nur durch den "Nischel" präsent. Findige Geschäftemacher haben den Klassiker längst auf T-Shirts, Pralinen, Rotwein, Stoffbeuteln und Untersetzern verewigt – und auch offiziell warb Chemnitz lange Zeit mit dem kessen Slogan "Stadt mit Köpfchen".

Das "Rothaus Chemnitz", ein linker Verein zur Förderung der politischen Kultur, schenkt seinen Referenten gern Karl-Marx-Sekt aus. Im Verein ist von "Karl Chemnitz" die Rede, wenn die Stadt gemeint ist. Chef vom "Rothaus" ist Klaus Bartl, seit 1990 Landtagsabgeordneter und Anwalt. Vor der Wende war er in der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt Abteilungsleiter.

Im April 1990 hat der heute 59-Jährige für Karl-Marx-Stadt gestimmt. Gegen die Umbenennung sei er auch wegen der Kosten gewesen und weil er Marx als Namensgeber der traditionellen Arbeiterstadt für "passend" gehalten habe. Doch "es war für mich keine Glaubensfrage", sagt Bartl heute.(dpa)