Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 01.03.2010 23:00:00
Von Markus Geiler

Selten hat ein Wahlsieger so unglücklich ausgesehen wie Lothar de Maizière am Abend des 18. März 1990. Die von ihm angeführte "Allianz für Deutschland" – ein vom damaligen Kanzler Helmut Kohl (CDU) nur wenige Wochen zuvor zusammengeschmiedetes Parteienbündnis aus Ost-CDU, Deutscher Sozialer Union (DSU) und Demokratischem Aufbruch (DA) – hatte die erste freie Volkskammerwahl in der DDR klar gewonnen.

De Maizière, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, war erst seit November 1989 Vorsitzender der Ost-CDU. Ihm sei in diesem Moment deutlich geworden, was da auf ihn zukomme, sagt de Maizière 20 Jahre später. Als Anwalt für Wirtschafts- und Steuerrecht habe er die ökonomische Lage der DDR gut einschätzen können und gewusst, dass das Land wirtschaftlich kurz vor dem Kollaps stand. "Ich fühlte mich nicht als künftiger Ministerpräsident, sondern als Konkursverwalter für 17 Millionen Mandanten."

Das Wahlergebnis begriff er als Plebiszit "für ein einiges Deutschland, für den föderalen Aufbau des Landes, für Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung". Viel Gestaltungsspielraum blieb ihm in seiner nur achtmonatigen Regierungszeit nicht. Zu massiv war das Bestreben des Machtpolitikers Kohl, die Chance zu einer schnellen deutschen Wiedervereinigung nicht verstreichen zu lassen.

De Maizière verstand sich als Vertreter eines Bildungsbürgertums, das es in der DDR eigentlich nicht mehr geben sollte. Nach dem Abitur 1958 studierte er zunächst Bratsche. Wegen einer Erkrankung musste er 1975 den Bratschisten-Beruf aufgeben, studierte in einem Fernstudium Jura an der Humboldt-Universität und wurde Rechtsanwalt.

1987 wählte das Kollegium der Berliner Rechtsanwälte de Maizière zum Stellvertreter des damaligen Vorsitzenden Gregor Gysi, einem "bis heute guten Freund", wie er betont. Zu seinen anwaltlichen Tätigkeiten gehörte nach eigenem Bekunden auch immer wieder die Verteidigung von Menschen in der DDR, die mit dem SED-Regime in Konflikt geraten waren. Dadurch habe er auch immer Kontakt zur Stasi gehabt, "das ist normal gewesen als Anwalt in der DDR".

De Maizière gehörte zu jenen Christen in der DDR, für die sich Kirchenmitgliedschaft und aktive politische Mitarbeit nicht ausschlossen. 1956 trat er der Ost-CDU bei. Dort engagierte er sich in den 80er Jahren in der CDU-Arbeitsgruppe für Kirchenfragen. Von 1985 bis 1990 gehörte er zudem der Synode des Bundes der Evangelischen Kirche der DDR an.

In den Monaten zwischen dem 18. März und dem 3. Oktober 1990 hatte de Maizière dem Kohlschen Fahrplan zur deutschen Einheit wenig entgegenzusetzen. Er schmiedete zwar mit SPD und Liberalen zunächst eine Regierungskoalition, die aber im Sommer 1990 wieder zerbrach. Menschen wie der damalige Volkskammervize Reinhard Höppner (SPD) oder der Fraktionsvorsitzende der SPD, der Berliner Theologe Richard Schröder, seien ihm viel näher gewesen als die politischen Akteure der West-CDU, so de Maizière.

Mitte Dezember 1990 wurden Vorwürfe bekannt, dass de Maizière als Inoffizieller Mitarbeiter "Czerny" für die Stasi gearbeitet hat. Er legte daraufhin alle Ämter nieder. Obwohl die Anschuldigungen weitgehend entkräftet wurden, zog er sich weiter vom politischen Parkett zurück und arbeitete wieder als Rechtsanwalt. Männer des Übergangs, seien immer Männer mit Verfallsdatum, sagt er rückblickend. (epd)