Als erste Internationale Bauausstellung beschäftigt sich die IBA Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010 mit der Zukunft der Klein- und Mittelstädte in Zeiten des Bevölkerungsrückgangs. Vom 8. April an zeigt sie die Ergebnisse achtjähriger Arbeit – an 19 Orten von Naumburg im Süden bis Stendal im Norden unseres Landes. Mit der IBA rückt Sachsen-Anhalt ein bisher unterschätztes Thema der Zukunftsdiskussion in Deutschland in den Blickpunkt.

Wir müssen das drehen." Mit der entsprechenden Fingerbewegung beschrieb im Jahr 2001 der damalige Bauhausdirektor Omar Akbar, wie das negative Image schrumpfender Städte in ein positives Zukunftsbild gewandelt werden kann: Statt der Größe muss die Qualität wachsen. Akbar knüpfte damit an einen seiner Vorgänger am Bauhaus an, acht Jahrzehnte früher hatte Ludwig Mies van der Rohe gefordert: "Weniger ist mehr". Heute heißt das IBA-Motto "Weniger ist Zukunft". Sachsen-Anhalts IBA definiert sich selbst als Labor, in dem acht Jahre lang neue Instrumente des Stadtumbaus unter Schrumpfungsbedingungen erprobt worden sind.

Das Labor waren die 19 Städte selbst, der Versuch immer freiwillig. Die Stadtplaner, Architekten und Soziologen im IBA-Büro boten keine fertigen Lösungen an, sahen sich vielmehr als Coachs. Nicht in jedem städtischen Planungsamt stießen sie sofort auf Begeisterung für ihr anderes Verständnis von Wachstum. Doch die anfängliche Ratlosigkeit, die sie in vielen Rathäusern vorgefunden hatten, wich schnell einer aufgeschlossenen Zusammenarbeit.

IBA-Architektin Kerstin Faber fasst den Ablauf so zusammen: "Bestandsaufnahme und Einstiegsdiagnose, Therapieplan, Behandlung mit teils neuartigen Instrumenten und gezielten Eingriffen." Mit dem Verlust kompletter Industrielandschaften war den Städten Identität abhanden gekommen. Jetzt fragten die IBA-Mitarbeiter: Wo sind eure Stärken, wo ist euer besonderes Profil – wirtschaftlich, sozial oder kulturell? Das Baukulturerbe in Quedlinburg, die Gunst der Flusslage Magdeburgs, Wittenbergs Dichte an kulturellen und konfessionellen Bildungseinrichtungen, die wirtschaftlichen Potenzen der Homöopathie in Köthen oder die Familienfreundlichkeit einer Kleinstadt wie Wanzleben – überall gab es (P)fundstücke.

Man stelle sich Eisleben vor im Jahr 2002. In der Altstadt steht jedes vierte Gebäude leer, aber unter Denkmalschutz. Gezielter Abriss könnte Licht und Sonne in die mittelalterliche Enge bringen und für den Nachbarn mehr Wohnqualität. Die Stadt holt die privaten Hauseigentümer und die Denkmalschutzbehörde an einen Tisch und plant mit ihnen Eingriffe ins Gefüge, die jedoch das geschlossene historische Stadtbild bewahren sollen. Ein Balanceakt, der nur im Konsens gelingen kann. In diesem Prozess stellte die IBA die Frage, was die vom Niedergang des Kupferbergbaus ausgehöhlte Stadt wieder auf die Beine bringen kann. Die Antwort: Martin Luther.

Eisleben hat als Geburts- und Sterbeort des Reformators lange hinter Lutherstadt Wittenberg in der zweiten Reihe gestanden. Doch seit 2008 das sanierte und baulich erweiterte Ensemble Luthergeburtshaus eröffnet worden ist – ein auch architektonisch überzeugender Anker im historischen Stadtraum – beleben immer mehr Touristen Eislebens Straßen. Daraus entstand das nächste IBA-Projekt, ein Lutherweg vom Geburtshaus bis zum Sterbehaus am anderen Stadtende. Auf dem Spazierweg zwischen den zwei UNESCO-Welterbestätten wird auch Stadtumbau erzählt, inszeniert auf städtischen Brachen und an verwaisten Hausfassaden. Eine erstaunliche Erfahrung ist, dass jetzt auch Eislebens Bürger selbst mit großem Staunen durch ihre Stadt gehen. Was sie sehen, lässt manchen seine Wegzugspläne überdenken.

Die IBA hat den Städten ihr Selbstbewusstsein zurückgegeben. Aus dem Mut der Verzweiflung hat sich vielerorts ein bürgerschaftliches Engagement formiert, wie es sonst nur in Sonntagsreden der Politiker vorkommt. Die Städte haben gelernt: Das Rufen nach der Obrigkeit, wer hilft oder bezahlt, ist keine tragende Grundlage für die Zukunft. Auch diese Erfahrung gibt die IBA aus Sachsen-Anhalt auch an noch verwöhnte Städte weiter. Lesen Sie morgen: Statt Pres–tigeobjekte Batterien für das innerstädtische Leben.