Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 11.03.2010 23:00:00
Von Thomas Borchert

Wie alle Medien präsentiert auch die Kopenhagener Zeitung "Berlingske Tidende" am liebsten brandneue, exklusive und möglichst überraschende Neuigkeiten. "Unglaublich – Die Deutschen haben Humor", stand jetzt als Schlagzeile erst im Internet und dann in der Papierausgabe zu lesen.

Verblüfft hat den Autor, Auslandschef Kristian Mouritzen, dass "eine neue Generation Deutscher" herangewachsen ist: locker, pragmatisch und mit Witz. Mouritzen hatte noch zu Bonner Hauptstadtzeiten aus dem Nachbarland berichtet. Da waren die Deutschen in den Augen der meisten Dänen teils die Ex-Besatzer in Nazi-Uniformen und teils die wieder wohlhabenden, aber mürrischen Insassen selbstgeschaufelter Strandburgen an der Nordsee – mit schweren gelben Öljacken ("Ostfriesennerz") als neuer Uniform.

Diese jahrzehntelang unerschütterlichen Klischees sind offenbar passé. Lykke Friis (40), seit einem halben Jahr Klimaministerin und bekennender Fan von Bayern München, listet freundlichere Ersatz-Klischees auf, weil die alten sich rasant verändert haben: "Deutschland, das ist heute für die Leute hier Berlin, das ist Tokio Hotel, und das ist Schweinsteiger."

Sie selbst sei 2006 während der Fußball-WM vor lauter Begeisterung mit einem deutschen Wimpel auf ihrem Auto durch Kopenhagen kutschiert: "Früher wäre das so nicht möglich gewesen. Die alten Animositäten sind weg."

Das dürften interessiert all jene deutschen Urlauber lesen, denen die dänische Polizei nach Anzeigen von Nachbarn schwarz-rot-goldenen Fahnenschmuck vor ihrem Ferienhäuschen verboten hat – weil das Hissen fremder Flaggen ohne behördliche Genehmigung in Dänemark eben nicht erlaubt ist, und weil der Spaß da für viele Dänen aufhört. Auch wenn dies nicht zum Bild vieler Skandinavien-Fans von den Dänen als freundlich entspannten, offenen und sich selbst nicht so ernstnehmenden Nordlichtern passen will.

Für ständig im Land lebende Deutsche hat sich deren Bild von Dänemark in den letzten Jahren vielleicht noch rasanter verändert als umgekehrt das Deutschland-Bild der Dänen: Da wird deutlich weniger gelacht, seit die über fast zehn Jahre betont harte Kopenhagener Ausländerpolitik das politische Thema Nummer eins ist und ein oft brutaler Ton in Politik und Medien den Umgang mit muslimischen Zuwanderern prägt.

Dass Deutsche im Gegensatz zu Dänemark beim Irak-Krieg nicht mitmachen wollten und dem Afghanistan-Einsatz viel skeptischer gegenüberstehen, hat auch den Kopenhagener Kunsthistoriker Henning Andersen ins Grübeln gebracht. Er legt seinem Freund beim Gespräch etwas wehmütig den Arm um die Schulter: "Wer hätte das gedacht, mein Lieber, dass ihr Deutschen mal die Friedensengel sein würdet, und wir Dänen sind die Kriegstreiber."(dpa)