Z: Stendal ZS: SDL PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 21.03.2010 23:00:00
Zum Volksstimme-Gespräch mit Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VFA), unter der Überschrift "Der Himmel auf Erden sieht anders aus" vom 18. März meldet die Krankenkasse ikk gesund plus Widerspruch an.

Von Hans-Jürgen Müller

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller redet die Entwicklung schön, wenn er meint, Kostensteigerungen seien in einer alternden Gesellschaft logisch und die Pharmaforschung leiste ja auch einen Beitrag zur Bekämpfung tödlicher Erkrankungen. Es ist auch den Krankenkassen ein wichtiges Anliegen, dass Patienten innovative Arzneimittel so schnell wie möglich erhalten. Die pharmazeutische Industrie kann aber doch nicht jede Diskussion darüber, ob ein Mehrnutzen bei einem neuen Mittel tatsächlich gegeben ist und ob der geforderte Preis gerechtfertigt ist, abwürgen mit den Hinweis darauf, dass die Medikamente schwerkranken Menschen helfen.

Die Krankenkassen verhandeln mit den Ärzten jedes Jahr über die Arzneimittelausgaben und regelmäßig wurden dabei in den letzen Jahren Steigerungen für Innovationen von 3,5 Prozent vereinbart. Das beweist ja, dass die Kostenträger Innovation honorieren und schnell im System verfügbar machen. Das darf aber kein Freibrief sein für exorbitante Preise: 1998 kostete in Deutschland ein patentgeschütztes Arzneimittel durchschnittlich 67 Euro, mittlerweile sind es 186 Euro. Die Verordnungen für patentgeschützte Medikamente machen 8,2 Prozent aller Verordnungen aus, aber 35,4 Prozent der Ausgaben für Arzneimittel. Das ist zu viel und natürlich darauf zurückzuführen, dass die Unternehmen in Deutschland den Preis bisher selber frei bestimmen können. Es ist schlichtweg falsch, dass sich die Preise in Deutschland in diesem Segment im europäischen Durchschnitt bewegen. Und gerade weil wir nicht am Anfang des Prozesses, wenn das Medikament auf den Markt kommt, steuern, d.h. den Preis im Verhältnis zu dem dann bekannten Nutzen festlegen, brauchen wir so viele Instrumente später, die den Preis beeinflussen, die Menge und die Qualität steuern. Natürlich wäre es schön, wenn wir mit weniger Aufwand die Ausgaben im Griff hätten.

Dafür brauchen wir aus meiner Sicht eine schnelle Bewertung des Nutzens, direkt wenn ein neues Mittel auf den Markt kommt und eine zügige Preisverhandlung durch den GKV-Spitzenverband. Da, wo schon ein gewisser Wettbewerb möglich ist, weil es nicht nur ein Medikament gibt, können auch Preisverhandlungen auf Kassenebene Sinn machen. Daraus muss sich logischerweise aber auch ergeben, dass die Kassen dort auch nicht mehr für alle Medikamente bezahlen, sondern nur für die, für die sie besondere Konditionen vereinbart haben. Was wiederum voraussetzt, dass eine neutrale Instanz vorher aus medizinischer Sicht festgelegt hat, wie viele Wirkstoffe angeboten werden müssen, damit die Patienten gut versorgt sind. Das ist nicht trivial und bedeutet mehr an Arbeit als sich mal zusammenzusetzen und einen Preis auszuhandeln.

Das Konzept des VFA ist aus meiner Sicht nur eine Verzögerungstaktik. Die Pharmafirmen und die Krankenkassen sollen einzeln miteinander verhandeln und erst wenn sich zwei Jahre später zeigt, hat nichts gebracht, kommt dann eine Nutzenbewertung und eine zentrale Preisverhandlung. Die Möglichkeit für Kassen und Industrie, zu verhandeln, gibt es ja heute schon im Gesetz und aus gutem Grund ist da bei neuen Medikamenten bisher nicht viel passiert. Denn ohne eine Vorstellung über den Nutzen kann ich keinen angemessenen Preis festlegen. Das muss immer zuerst erfolgen, und sei es auch nur vorläufig. Wirklich innovativen Herstellen nützt eine solche Bewertung ja.

Wir als Kassen fordern einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Medikamente. Es ist nicht nachvollziehbar, dass diese höher besteuert werden als beispielsweise Blumen, Hundefutter und Zeitschriften. An diesem Punkt stimmen wir mit der Industrie überein.

Der Autor ist Verwaltungsratsvorsitzender der IKK gesund plus.