Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 22.02.2010 23:00:00
Von Anne-Beatrice Clasmann

Papa, wenn du alt bist, präpariere ich dich mit Sprengstoff, und dann sprenge ich dich per Fernzündung im Kaffeehaus in die Luft." Das sagt Mohammed zu seinem Vater. Der Achtjährige lacht. Dem Vater bleibt das Lachen im Hals stecken.

Doch, obwohl er den frechen Spruch seines einzigen Sohnes makaber findet, mag er nicht mit ihm schimpfen. Denn Mohammed lebt mit seiner Familie in Bagdad. Dass sich Menschen in Kaffeehäusern oder vor Ministerien in die Luft sprengen, ist in der irakischen Hauptstadt längst nicht so ungewöhnlich wie etwa in Europa.

Noch bevor Mohammed eingeschult wurde, sah er zum ersten Mal eine Leiche. Aufständische hatten einem Polizeioffizier, der in der gleichen Straße wohnte wie seine Familie, eine Magnetbombe ans Auto geheftet.

Der Sprengsatz explodierte. Der Offizier wurde buchstäblich in Stücke gerissen. Sein schwer verletzter Fahrer lebte noch einige Minuten. Kurz bevor er starb, rief er: Bringt meine Mutter zu mir, bringt mir meine Mutter! Diesen Satz konnte Mohammed lange Zeit nicht vergessen. Er hat ihn wochenlang wiederholt, immer wieder erzählte er, wie dem Mann das Blut über das Gesicht lief, erinnert sich sein Vater.

Zum Geburtstag wünscht sich Mohammed eine Waffe aus Plastik, eine schwarze Pistole oder eine Maschinenpistole, die so aussieht wie die Waffen der Amerikaner. Waffen gehören für den zarten Jungen mit dem dichten schwarzen Haarschopf zum Alltag. Auf seinem Schulweg sieht er jeden Tag bewaffnete Polizisten und Soldaten. Doch seine Eltern sind dagegen. Sie wollen ohnehin nicht, dass der Junge alleine auf die Straße geht, um mit den anderen Kindern Krieg zu spielen. Sie haben viel gehört von den Banden, die in Bagdad Kinder entführen, um Lösegeld zu erpressen.

Seitdem sich die US-Soldaten im vergangenen Sommer auf ihre Stützpunkte außerhalb der irakischen Städte zurückgezogen haben, sieht man in Bagdad nur noch Angehörige der irakischen Sicherheitskräfte. Dadurch ist die Atmosphäre in der Hauptstadt etwas entspannter geworden. Doch in vielen Vierteln ist es für die Kinder immer noch alltäglich, wenn abends Schüsse zu hören sind.

Eine Nichtregierungsorganisation versucht, der Waffenbegeisterung der Kinder Einhalt zu gebieten. "Nein zur Beteiligung unserer Kinder an der Gewalt", steht auf einem Plakat, das inzwischen in vielen Vierteln hängt. Darauf sind Kinder mit Plastikwaffen zu sehen.

Die Kinder, die in dem Waisenhaus im Innenstadtviertel Salihija leben, haben in den vergangenen Monaten Schlimmeres erdulden müssen. In dem Viertel, in dem mehrere Ministerien liegen, explodierten binnen weniger Wochen gleich mehrere Autobomben. Alle Fenster sind zerbrochen. Vier von unseren Kindern wurden von den Splittern leicht verletzt, sagt die Direktorin des Waisenhauses, Nadschat Schakir Mahmud. In ihrem Heim leben Kinder im Alter von bis zu sechs Jahren. Eine sandfarbene Mauer umgibt das Gebäude. An die frische Luft kommen die Kinder nur selten.

Seit den Explosionen haben sie Angst und wir haben Angst um sie, erklärt die Direktorin. Plastikpistolen sind in ihrem Heim verboten. Wenn wir so etwas unter den Spielsachen finden, die für die Waisenkinder gespendet werden, zerstören wir sie sofort, sagt die resolute Frau und zupft ihr rotes Kopftuch zurecht. Doch auf den Spielplätzen von Bagdad gelten andere Regeln. Keine 100 Meter vom Eingang des Waisenhauses entfernt spielen an diesem dunstigen Februartag zwei Jungen im Grundschulalter eine Razzia nach. Der größere Junge versteckt sich hinter der Rutsche, während der Jüngere mit seiner Spielzeugpistole hinter einem Baum in Stellung geht. Sein Gesicht ist ernst. Er wirkt wie ein Erwachsener, der schon sehr lange nicht mehr gelacht hat.(dpa)