Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 05.02.2010 23:00:00


Von Nina Jeglinski und Benedikt von Imhoff

Vor der morgigen Stichwahl um das Präsidentenamt in der Ukraine werden die Gräben zwischen den Rivalen immer tiefer. Die Menschen in dem für die EU wichtigsten Transitland für russische Gaslieferungen haben die Wahl zwischen der prowestlichen Regierungschefin Julia Timoschenko und dem prorussischen Oppositionsführer Viktor Janukowitsch. Der 59-Jährige hat gute Chancen, nach seiner Niederlage gegen die Helden der demokratischen Orangenen Revolution von 2004 nun doch ins höchste Staatsamt einzuziehen. Das will die 49 Jahre alte Timoschenko mit ihrem traditionell geflochtenen Haarkranz aber verhindern.

In der früheren Sowjetrepublik vergeht kein Tag ohne neue Vorwürfe und Wirren. Einmal überfielen 300 Männer die Druckerei, in der die Unterlagen für den Wahlgang hergestellt werden – in wessen Auftrag, blieb rätselhaft. Auf Drängen von Janukowitschs Partei der Regionen, der stärksten Fraktion im Parlament, wurde der für die Wahlaufsicht verantwortliche Innenminister abgesetzt. Schon Stunden später machte Timoschenko ihn zum Vize-Innenminister mit allen Vollmachten.

In diesem mit aller Härte ausgetragenen Wahlkampf bekommen die rund 46 Millionen Einwohner allerdings kaum eine Antwort auf die Frage: Wohin steuert die Ukraine? Timoschenko will das zweitgrößte Flächenland Europas bis 2015 in die EU führen. Janukowitsch dagegen, der vom bevölkerungsstarken russischsprachigen Osten des Landes gestützt wird, will mehr auch auf Moskaus Interessen eingehen. Er feierte schon den deutlichen Vorsprung im ersten Wahlgang am 17. Januar als einen Triumph und als Ohrfeige für die antirussische Politik von Amtsinhaber Viktor Juschtschenko.

Timoschenko lag in der ersten Runde mit 25,05 Prozent der Stimmen gut zehn Prozentpunkte hinter Janukowitsch, der auf 35,32 Prozent kam. Beide Rivalen setzen auf die Wähler des schwerreichen Bankers Sergej Tigipko, der mit rund 13 Prozent Dritter geworden war. Tigipko will Regierungschef werden – unter welchem Präsidenten auch immer.

Kaum eine Wahl erregt beim Nachbarn Russland so viel Interesse wie die in der Ukraine. Aus Freude über die Niederlage von Amtsinhaber Juschtschenko schickte Moskau wieder einen Botschafter auf den seit mehr als einem halben Jahr verwaisten Posten in Kiew. Eine Entspannung zwischen den beiden Ex-Sowjetrepubliken bahnt sich in jedem Fall an, weil auch Timoschenko nicht die antirussische Karte spielt. Das wiederum freut den Westen, der wegen der bisherigen "Gaskriege" auf weniger Reibungen zwischen den beiden Nachbarn hofft.

Die Nervosität ist Timoschenko deutlich anzumerken. So behauptete die proeuropäische Regierungschefin etwa, die in der Ukraine populäre deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stehe auf ihrer Seite. Die Bundesregierung hält sich allerdings schon seit langem bedeckt. Westliche Diplomaten verbinden inzwischen vielmehr mit Janukowitsch die Hoffnung auf mehr Stabilität in dem krisengeschüttelten und im Übrigen auch finanzschwachen Land.

Beobachter trauen der charismatischen Timoschenko dennoch zu, die Lücke zu ihrem oft hölzern wirkenden Konkurrenten zu schließen. Wichtig sei, die bisherigen Nichtwähler an die Urne zu bekommen, meint der Kiewer Politologe Alexej Garan. "Wenn ihr das nicht gelingt, hat sie keine Chance."

Zuletzt profitierte Timoschenko sogar, als der Zwei-Meter-Mann Janukowitsch ihre Herausforderung zu einem Fernsehduell ablehnte. Das Kneifen des als Apparatschik verschrienen Politikers zeigt nach Meinung von Beobachtern, dass er sich seiner Sache längst nicht sicher und das Rennen offen sei.(dpa)