Der Hunger ist die treibende Kraft der Revolte in Tunesien – nach Brot und nach Freiheit. Während an der wohlhabenderen Touristen-Küste und in der Hauptstadt Tunis der demokratische Aspekt überwiegen dürfte, hat im Inneren des Landes vor allem das blanke Elend die Menschen im Protest vereint. In dieser Kombination ist es den Tunesiern gelungen, in verblüffend rasanter Geschwindigkeit den Diktator zu verjagen.

Doch so beispiellos, wie es die siegreichen Demonstranten den Reportern in die Mikrofone schreien, ist der Umsturz nicht. Ähnlich lief es beim Zusammenbruch des Ostblocks vor gut 20 Jahren – speziell in Rumänien, dessen schärfster Diktatur. Der Sturz des dortigen Ceausescu-Clans war 1989 eine Sache von Stunden.

Was dann geschah, macht weitere Parallelen deutlich: In das rumänische Machtvakuum stießen einige Oppositionelle, vor allem aber langjährige Vertraute des Potentaten. Auch in Tunesien versuchen frühere Gefolgsleute Ben Alis, nun die neue Staatsmacht darzustellen. Ihr gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem ist eine Ursache für Plünderungen und Gewalt, die nach Ben Alis Flucht um sich gegriffen haben.

Viele Tunesier stillen gewaltsam ihren Hunger nach allen Waren, die sie entbehren. Das Gesetz zählt nichts mehr. Gerade dessen Hüter, der repressive Apparat von Polizei und Geheimdienst, sind in Tunesien so verhasst wie ihr gestürzter oberster Befehlshaber. Es baut sich ein Gegensatz zwischen Sicherheitsapparat und der mit der Bevölkerung symphatiesierenden Armee auf. Entladen sich die Spannungen, ist Schlimmes zu befürchten: In Rumänien führte eine ähnliche Konfrontation zu tausenden Toten.

Aus Europa hören die Tunesier vor allem, dass sie ihre Chance auf Freiheit nutzen sollen. Das Land braucht jedoch zuerst Sicherheit und Stabilität. Sonst wird aus dem Hunger auf Demokratie nur die Not der Anarchie.(Politik)