Dass es in der DDR Unrecht gab, kann niemand ernsthaft abstreiten. Ebenso wenig wie eine persönliche Bilanz zu bezwei- feln ist, dass das Leben lebenswert war. Dies sind keine Gegensätze, sondern Pole.

Die Debatte um die Aufarbeitung der Eskalation nach der Lesung von Roman Grafe an einer Stendaler Schule zeigt, dass die Auseinandersetzung mit der DDR im 25. Jahr nach dem Mauerfall offener und vielfältiger geführt wird als unmittelbar in der Nachwende-Zeit. Das Leben in der DDR lässt sich nicht allein in die Rollen Opfer, Täter und Mitläufer einordnen. Aber ein Satz wie "Wenn man sich in Diktaturen an die Regeln hält, passiert einem nichts" darf im Unterricht einer Schule nicht einfach so stehen bleiben.

Die aktuellen Diskussionen in Stendal zeigen jedenfalls eindrucksvoll auf: Die Geschichte und ihre Geschichten bewegen. Sie wollen erzählt und müssen reflektiert werden. Besonders in der Schule, aber keineswegs nur dort. Und: Dazu kann jeder etwas beitragen.