Die Bundesregierung hat angesichts der Ereignisse in Japan ein dreimonatiges Moratorium für die von ihr durchgedrückte Verlängerung der Laufzeiten deutscher Atommeiler ankündigt. Sie verabschiedet sich also nicht von ihrem Beschluss, sie schiebt dessen Vollzug nur auf. Man mag das eine Beruhigungspille nennen oder einen Wahlkampftrick. Die Regierung sagt, sie wolle die Sicherheit überprüfen. Schlimmstenfalls ist ein Freibrief zu befürchten, auf dem steht: Wir haben hier weder schwere Erdbeben noch Tsunamis zu erwarten. Folglich sind unsere Atomkraftwerke sicher.

Nichts ist sicher. Die Atommeiler in Japan galten als die sichersten weltweit. Bis zum vergangenen Freitag, als das bisher Unvorstellbare eintrat. Wenn wir einen Vorfall als unerwartet und als in dem Maße nicht voraussehbar bewerten, klingt das wie: Pech gehabt. Aber wird hier nicht auch deutlich, dass Katastrophenszenarien vor allem auf bisherigen Erfahrungen beruhen? Ist das vielleicht eine der Grundlagen für das Blockieren des Verstandes gegenüber eindringlichen Warnungen? Und: Blenden nicht die wenigen, die Aussicht auf sehr hohe Gewinne haben, die Gefahren für viele aus? Die Rede von der Katastrophe vernebelt solche Zusammenhänge. Erdbeben und Tsunamis sind Naturereignisse. Wenn in deren Folge Atomkraftwerke explodieren und eine Kernschmelze eintritt, ist das eine Katastrophe - eine von Menschen gemachte.

Die Ereignisse von Japan gehen ein in den Erfahrungsschatz der Menschheit - also auch in den der deutschen Regierung. Wenn die jetzt prüft, besteht das Restrisiko, dass lediglich abgewogen wird zwischen zwei Gütern. Zwischen dem wirtschaftlichen Gewinn und der Gesundheit der Menschen. Auch für ein solches zynisches Abwägen braucht man Moratorien. (Seite 1 / Politik)