Angesichts von 25 gerissenen Schafen wird vorschnell von einem "Blutbad" gesprochen, das sich ereignet hat. Sofort wird der Abschuss der Übeltäter verlangt. Schließlich könnte ja vielleicht sogar ein Kind ... Rotkäppchen lässt grüßen. Wenn der Fuchs ein solches "Blutbad" auf einem Geflügelhof anrichtet – was immer mal vorkommt, droht der Bauer zwar mit der Faust erbost in Richtung Wald. Aber er würde wohl kaum auf den Gedanken kommen, den Abschuss aller Füchse zu fordern.

Der Wolf macht uns Angst. Wir tun uns noch schwer im Umgang mit dem letzten echten Raubtier, das sich anschickt, in den Wald zurückzukehren. Heute, wo die Heizung immer warm, die Supermarktregale immer voll und die nächste Tankstelle ganz in der Nähe ist, bringt die Vorstellung eines durch die dunkle Nacht streifenden Rudels ein Gefühl der Unsicherheit zurück. Doch die Angst ist unangemessen. Das Raubtier des 21. Jahrhunderts heißt Fernsehsucht oder Alkoholmissbrauch. Der Wolf ist nur ein ängstlicher Gefährte, dessen Lebensraum begrenzt ist. Mit ihm leben zu lernen, ist eine spannende Herausforderung. (Die Seite Drei)