Athen (dpa) l Die Lage ist prekär. Die Aufbruchstimmung der Regierung findet zwar im Ausland Anklang - zu Hause aber ist die Schmerzgrenze erreicht, und die radikalen Kräfte lauern.

In den Bankentürmen der internationalen Finanzzentren haben Händler Blut geleckt: In Zeiten historisch niedriger Zinsen locken hellenische Staatstitel mit fetten Erträgen. 47 Prozent Rendite warfen die Papiere im letzten Jahr ab, das ist der Spitzenwert am Markt für Staatsanleihen. In der letzten Woche waren zehnjährige griechische Anleihen so gefragt wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr. "Die Rally dürfte anhalten", meint die US-Großbank JPMorgan.

Athen käme das mehr als gelegen. Denn eine Rückkehr an die Märkte wäre ein Befreiungsschlag. Ökonomen zweifeln zwar. "Ich sehe selbst in einem günstigen Umfeld große Schwierigkeiten", sagt Chefvolkswirt Jürgen Michels von der BayernLB. Dennoch schwappt eine Welle von Optimismus durch die Finanzbranche, nachdem bereits die Krisenländer Irland und Portugal erfolgreich waren. Dazu kommen verbesserte wirtschaftliche Aussichten für Griechenland. "2014 dürfte das erste Jahr mit Wachstum seit 2007 werden", heißt es bei JPMorgan.

Eine wichtige Rolle spielt zudem, dass die massiven Budgetkürzungen endlich zu einem Mini-Plus in der Staatskasse geführt haben - zumindest wenn man die erdrückende Zinslast ausblendet. Der sogenannte Primärüberschuss ist der Strohhalm, an den Athen sich klammert. Denn die Eurogruppe hat weitere Hilfen in Aussicht gestellt, wenn dieses Ziel erreicht werden sollte.

Deshalb hat die Regierung die Brechstange angesetzt. Da die Einnahmeziele nach wie vor verfehlt werden - der Steuerstaat bleibt eine Baustelle -, werden die Ausgaben immer weiter zusammengestrichen. Darunter ächzt die Bevölkerung. Für das Haushaltsplus wurden öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern drastisch die Mittel gekürzt. Konsequenz: Der soziale Kitt bröckelt.

Sogar Regierungschef Antonis Samaras macht keinen Hehl daraus, wie schlecht es seinen Landsleuten geht. 38 Prozent ihres Einkommens hätten sie in der Krise eingebüßt, sagte er im Europäischen Parlament. Dies habe kein Land seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre erlebt. Mehr als 27 Prozent der Griechen haben derzeit keinen Job, fast jeder Dritte ist nicht mehr versichert. Tausende junge gut Ausgebildete wandern aus.

Für den konservativen Samaras und seine Koalitionsregierung mit den Sozialisten läuten die Alarmglocken: In fast allen Umfragen liegt das Bündnis der radikalen Linken (Syriza) vorn. Samaras braucht dringend einen Erfolg, um gegen die euroskeptischen Kräfte zu punkten. Die Hoffnung liegt auf Brüssel und Berlin.

Jetzt, wo der primäre Haushaltsüberschuss geschafft ist, solle neu verhandelt werden - so lautet zumindest die Strategie Athens. Die Griechen wollen einen "verdeckten" Schuldenschnitt erreichen: längere Rückzahlungsfristen und noch niedrigere Zinsen für die Hilfskredite. Dann, so hofft man, ließe sich der immense Schuldenberg tragen, dann könnte man sich an die Märkte zurückwagen.

Fest steht: 2014 wird für Griechenland ein Jahr der Entscheidung. Wie es weiter- geht, wenn das Hilfsprogramm ausläuft, ist offen. Auch wenn die Haushaltssanierung voranschreitet, droht das Land an seinen Schulden zu ersticken. Dass Anleger wieder Vertrauen fassen, ist trügerisch - sie sind meist die ersten, die flüchten, wenn es zur sozialen Explosion kommt.