US-Gewerkschaft UAW

Die US-Autogewerkschaft vertrat zu ihren besten Zeiten 1,5 Millionen Mitglieder, heute sind es keine 400 000 mehr. Kritiker sagen, die UAW habe mit überzogenen Forderungen den Niedergang der US-Autoindustrie beschleunigt. Die Insolvenz von General Motors und Chrysler 2009 bildete jedoch einen Einschnitt.

Die UAW trug mit Zugeständnissen bei Lohn und Pensionen zur Rettung der Hersteller bei und wurde im Gegenzug an den Firmen beteiligt.

Die UAW-Führung um Bob King versichert, aus den Fehlern gelernt zu haben. Hinter vorgehaltener Hand heißt es selbst bei den Detroiter Autokonzernen, die Gewerkschaft sei "vernünftiger" geworden. In den vielen neuen Werken ausländischer Autobauer im Süden der USA konnte die UAW aber bislang nicht Fuß fassen. (dpa)

Chattanooga (dpa) l In den Augen der US-Amerikaner sind die Deutschen manchmal ein schwer zu durchschauendes Volk. Zwar gelten sie als fleißig und zuverlässig. Deutschland habe Europa aus dem Dreck gezogen, ist die landläufige Meinung. Feiern können die Deutschen nach Ansicht der Amerikaner auch - nicht ohne Grund eröffnen in Metropolen wie New York ständig neue Biergärten. Doch was die meisten Amerikaner gar nicht verstehen, ist dieses Konzept der Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Das zeigt sich beispielhaft beim Versuch von VW, in seinem US-Werk einen Betriebsrat zu gründen.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: In einer deutschen Fabrik sollen die Mitarbeiter darüber befinden, ob sie von einer Gewerkschaft vertreten werden möchten. Und der örtliche Bundestagsabgeordnete würde sich wie folgt äußern: "Wir sorgen uns um die Zukunft unserer Kommune ... Wenn sie gewinnen, wird sich der Lebensstandard der Menschen verschlechtern ... Unternehmen werden sich hier nicht mehr ansiedeln wollen."

Gewerkschaften haben es in den USA seit jeher schwer

So ist es in Chattanooga geschehen, wo Volkswagen seit drei Jahren sein einziges Werk in den Vereinigten Staaten betreibt. Die Wolfsburger bauen dort den US-Passat, eines ihrer meistverkauften Modelle im Land. 5000 Jobs bei VW selbst, bei Zulieferern und sonstigen Firmen hängen von dem Werk ab, rechnet der Konzern vor. Das ist viel für den strukturschwachen Süden der USA.

Einer der Baumeister dieses kleinen Wirtschaftswunders ist Bob Corker, früher Bürgermeister der Stadt und heute Senator in Washington. Die ersten Gespräche über das Werk hätten an seinem Wohnzimmertisch stattgefunden, erzählt er gerne. Doch Corker ist derjenige, der zuletzt am heftigsten gegen das Ansinnen giftete, bei VW eine Arbeitnehmervertretung nach deutschem Vorbild aufzubauen. Corker missfiel, dass dadurch die Autogewerkschaft UAW in der Region Fuß fassen könnte. "Ein Betriebsrat ist ein interessantes Konzept für mich, wirklich, das ist es", beteuerte er vor einer Woche bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz. Doch nicht mit der UAW, den United Auto Workers. "Schaut euch Detroit an", warnte der Republikaner in Anspielung auf die insolvente Autostadt im Norden.

Im Süden der USA haben Gewerkschafter seit jeher einen schweren Stand. Als die Kunde von der Wahl zur Arbeitnehmervertretung bei VW die Runde machte, plakatierte eine konservative Lobbygruppe auf großen Tafeln: "United Obama Workers" - "Vereinigte Obama-Arbeiter". Örtliche Politiker drohten damit, VW keine Investitionshilfen mehr zu gewähren. Senator Corker baute das Schreckensszenario auf, dass das Werk ein geplantes zweites Modell verlieren könnte, wenn die UAW gewinnen würde. Das hätten ihm VW-Manager gesagt. Werksleiter Frank Fischer sah sich zu einem Dementi veranlasst.

US-Medien befürchten Einfluss der IG Metall

Die Frage, ob die UAW im VW-Werk Chattanooga einzieht, wurde zum landesweiten Politikum. Die größte Wirtschaftszeitung, das zum Medienimperium von Rupert Murdoch gehörende "Wall Street Journal", stellte in einem Meinungsartikel eine Verschwörungstheorie auf: Die bei Volkswagen mächtige IG Metall würde mit der UAW "konspirieren", um deutsche Arbeitsplätze zu schützen. Denn die UAW mache die Produktion in den USA weniger attraktiv, so die unausgesprochene Auffassung des Autors. Letztlich entschied sich eine Mehrheit der VW-Werker in Chattanooga gegen eine Vertretung ihrer Interessen durch die UAW. Die einen sagten, es gehe ihnen doch gut, denn VW zahle hohe Löhne. Andere wollten sich die Gewerkschaftsbeiträge sparen. Gewerkschaftschef Bob King zeigte sich nach der Niederlage geknickt. Gemeinsam könnten Unternehmen und Mitarbeiter erfolgreicher sein, sagte er. "Deutschland ist ein gutes Beispiel dafür. Deutschland hat extrem hohe Löhne und ist gleichzeitig extrem erfolgreich, weil die Leute zusammenarbeiten." Volkswagen gebühre Dank dafür, die Idee in die USA gebracht zu haben. "Wenn wir eine starke Industrienation sein wollen, sollten wir das übernehmen."

Bei VW ist man ebenfalls überzeugt, dass sich das deutsche Modell bewährt hat. Gerade erst haben die Wolfsburger ihren Rivalen General Motors als zweitgrößten Autobauer abgelöst. Nur Toyota stellt mehr Fahrzeuge her. Werksleitung und Konzernbetriebsrat wollen nun andere Wege suchen, eine Arbeitnehmervertretung zu gründen.