Leipzig (dpa) | Die Sonne hat bei Mutter Natur in diesem Frühjahr den Turbo angeworfen. Mehrere Wochen liegt die Entwicklung von Bäumen, Getreide und Pflanzen dem normalen Verlauf voraus. Der Agrarmeteorologe des Deutschen Wetterdienstes in Leipzig, Falk Böttcher, erklärt im Interview, warum die Bauern besorgt gen Himmel schauen.

Frage: Der Laie hat das Gefühl, die Natur macht dieses Jahr alles früher: grünen, blühen, fertigwerden. Stimmt dieser Eindruck?
Falk Böttcher: Wir verzeichnen tatsächlich zwei bis drei Wochen Vegetationsvorsprung im Vergleich zu Durchschnittswerten. Und der Entwicklung des Vorjahrs sind die Pflanzen sogar fünf bis sechs Wochen voraus. Das war aber auch ein sehr spätes Jahr. Es ist jetzt auch nicht so, dass wir das noch nie hatten. Ohne das jetzt statistisch ganz festzumachen, aber dieses Tempo kommt schon zweimal in zehn Jahren vor. In aller Regel wird dieser Vorsprung in der Vegetationsperiode aber wieder kompensiert.

Frage: Ist dieser Frühstart nach dem verkorksten Vorjahr jetzt ein Glücksfall für Gärtner und Landwirte?
Böttcher: Naja, wenn jetzt noch einmal beträchtliche Spätfröste reinkämen, wäre es kein Glücksfall. Ansonsten ist jeder Tag Vegetationszeit, der verlängert ist, unter ansonsten optimalen Umgebungsbedingungen schon gut. Doch die sehr geringen Bodenwasservorräte machen uns Sorgen. Das könnte die Ernte negativ beeinträchtigen. Der Regen fällt regional sehr unterschiedlich.

Frage: Wie sieht es denn speziell in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aus?
Böttcher: Im Bergland und in weiten Teilen Thüringens is es kein so großes Problem, auch im Süden Sachsen-Anhalts nicht. Aber es gibt auch Regionen, zum Beispiel rund um Oschatz in Sachsen, da fiel bisher sehr wenig Regen. Nach Norden hin sieht es ähnlich aus. Man kann das zum Teil gar nicht regional sagen, sondern muss es örtlich differenzieren. Häufig war es in den vergangenen Tagen so, dass ein Ort mehr als zehn Liter Regenwasser abbekam, während der Nachbarort nur mit drei Tropfen hochkant abgespeist wurde.

Frage: Welche Kulturen trifft der aktuelle Wassermangel besonders?
Böttcher: Das betrifft vor allem Getreide und Raps. Für Mais und Zuckerrübe wäre es nur kritisch, wenn jetzt noch mal Frost käme. Ansonsten ist da noch alles offen. Beim Wintergetreide beginnt jetzt die Zeit des Ährenschiebens. Da geht es jetzt um die Wurst, wer überlebt - und deshalb wird dringend Regen gebraucht.

Frage: Das heißt, das schöne Wetter ist gar nicht so schön für die Pflanzen und die Landwirtschaft, weil schlicht das Wasser fehlt.
Böttcher: Richtig. Wenn wir den Verlauf mit den Beobachtungen seit Anfang der 1960er Jahre vergleichen, gab es kaum ein Jahr, das so trocken in die Vegetationsperiode gestartet ist und auch so langanhaltend trocken war. Aber die Pflanzen reagieren darauf und bilden verstärkt tiefere Wurzeln. Bei Weizen und Raps wachsen sie bis zu zwei Meter tief, um sich Wasser zu holen. Trotz der Tatsache, dass vielerorts deutlich unter 50 Prozent der durchschnittlichen Niederschläge fielen, sehen die Bestände deshalb noch gut aus. Ein Apfelbaum in der Plantage kann nicht so leicht reagieren.

Frage: Also stecken die Feldkulturen die Trockenheit besser weg?
Böttcher: Sie haben eine gewisse Reaktion. Wir haben es mit lebenden Organismen zu tun, das darf man nie vergessen. So, wie der Mensch in den Mineralwasserkasten greift, um seinen Wasserhaushalt auszugleichen, sehen die Pflanzen eben mit ihren Mitteln auch, wo sie bleiben.

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