Volksstimme: Herr von Stenglin, die Inflation in Deutschland ist mit 0,9 Prozent auf den niedrigsten Wert seit fast vier Jahren gerutscht. Ist das für die Bürger, die sich vor höheren Teuerungsraten oftmals fürchten, wirklich eine gute Nachricht?

Stephan Freiherr von Stenglin: Zunächst einmal sichert eine niedrige Inflationsrate die Kaufkraft der Verbraucher. Aus Sicht des Eurosystems ist die Inflation im Euro-Raum aber niedriger als mittelfristig angestrebt. Deshalb hat der EZB-Rat die Leitzinsen gesenkt. Dadurch sind die Zinsen auf sichere und leicht verfügbare Spareinlagen so gering, dass Sparer trotz der niedrigen Teuerungsraten mit gewissen Vermögenseinbußen rechnen müssen. Solche Phasen hat es in Deutschland in der Vergangenheit im Übrigen immer wieder gegeben.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zinsen quasi auf Null gesenkt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Kritiker werfen ihr vor, Vermögenseinbußen beim deutschen Sparer in Kauf zu nehmen, obwohl von Zinssenkungen kaum noch Wachstums-Impulse ausgehen.

Die Inflationsentwicklung im Euro-Raum wird voraussichtlich noch bis mindestens Ende 2016 unterhalb der Stabilitätsmarke von zwei Prozent liegen. Deshalb war ein Ausschöpfen des zinspolitischen Spielraums angemessen. Wenn nämlich die Inflationsrate zu lange zu niedrig bleibt, könnte das die Wirtschaft lähmen. Und was die Sparer angeht, so ist es die Aufgabe der Notenbank, den Geldwert stabil zu halten - jedoch nicht, eine bestimmte Verzinsung zu garantieren. Außerdem profitieren auch die Bürger hierzulande von den sehr niedrigen Zinsen: Sie sichern Arbeitsplätze, auch weil sich deutsche Unternehmen und Handwerker extrem günstig finanzieren können, sie ermöglichen erschwingliche Wohnungsbaukredite und sie entlasten den deutschen Steuerzahler, da der Finanzminister wenig Zinsen für seine Schulden zahlen muss.

Mit der letzten Zinssenkung hat die EZB sicher auch auf Deflations-Sorgen reagiert. Droht aus Ihrer Sicht ein Preisverfall?

Ein längerfristiger Rückgang des allgemeinen Preisniveaus steht aktuell nicht vor der Haustür. Bei Deflation würde die Wirtschaft ins Stocken geraten, Unternehmen und Verbraucher würden in Erwartung von noch niedrigeren Preisen ihre Investitionen und Anschaffungen aufschieben. Damit ist weder für den Euroraum noch für Deutschland zu rechnen. Ein Anstieg der Sparquote ist nicht zu erkennen.

Herr von Stenglin, Sie leiten die Bundesbank-Hauptverwaltung Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt - was macht diese Einrichtung eigentlich?

In Ihrem Geschäftsbereich erfüllt sie alle dezentralen Notenbankaufgaben, darunter Mitarbeit in der Bankenaufsicht und Außenwirtschaftsprüfungen. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Bargeldversorgung in Sachsen-Anhalt. Der Knotenpunkt hierfür ist die Filiale in Magdeburg. Einige Bürger dürften sie unter anderem wegen des hier noch möglichen D-Mark-Euro-Tauschs kennen.

Wie viel D-Markt werden denn derzeit getauscht, wie viel alte Scheine und Münzen sind noch im Umlauf?

Nach wie vor sind noch mehr als 13 Milliarden D-Mark im Umlauf. Die D-Mark war ja lange Zeit auch eine Parallelwährung in Osteuropa und auf dem Balkan, es ist also möglich, dass sich viele Scheine dort noch befinden. Sicher lagert ein Großteil des alten Geldes aber auch in deutschen Haushalten. In Magdeburg tauschen Bürger pro Tag bis zu 3000 D-Mark in Euro um. Dieser Umtausch ist zeitlich und betragsmäßig unbegrenzt und gebührenfrei.

Was gehört außerdem zu den regionalen Bundesbank-Aufgaben?

Wir ziehen nicht mehr umlaufsfähige Scheine, die zum Beispiel zerrissen sind, aus dem Verkehr und geben frisches Geld aus. Im September kommt außerdem der neue 10-Euro-Schein in Umlauf. Darüber hinaus machen wir Falschgeldkontrollen und ziehen Blüten aus dem Verkehr. Die Pflege des Bargeldkreislaufs eben.

Welche Scheine werden am häufigsten in der Bundesrepublik gefälscht?

Die größte Angst vor Blüten gibt es bei 100-, 200- und 500-Euro-Scheinen. Tatsächlich werden aber 20- und 50-Euro Scheine am häufigsten gefälscht. In Deutschland ist im Vergleich zu anderen EU-Ländern jedoch relativ wenig Falschgeld im Umlauf.