Köln (dpa) l 6,50 Euro Stundenlohn sind nicht die Welt - und blieben bis zum vergangenen Jahr für viele Friseurangestellte unerreichbar. Zum 1. August 2013 hatten sich Handwerk und die Gewerkschaft Verdi auf eine bundesweite Lohnuntergrenze geeinigt, die gerade im weitgehend tariffreien Osten zum neuen Mindestlohn werden soll. Ein Jahr später sprechen die Tarifpartner von einem Erfolg, auch weil die zusätzlichen Kosten über höhere Preise an die Kunden weitergegeben werden konnten.

Ob der Mindestlohn, der 2015 bundesweit auf 8,50 Euro steigt, in allen Betrieben tatsächlich gezahlt wird, ist nicht sicher. Die Gewerkschaft Verdi hat bislang nur wenige Klagen der Beschäftigten gehört und geht wie die Arbeitgeber davon aus, dass der Tarifvertrag im Großen und Ganzen eingehalten wird. Gedreht werde eher an der Arbeitszeit, manche Chefs verlangten unbezahlte Überstunden, sagt Verdi-Sprecher Volker Nüsse.

Mit der tariflichen Lösung ist die Branche der gesetzlichen Regelung zuvorgekommen, die aber mutmaßlich zum notwendigen Einigungsdruck beigetragen hat. "Wir wollten die dreijährige Übergangszeit und das unterschiedliche Tempo in Ost und West", sagt der Geschäftsführer des Zentralverbands des Friseurhandwerks, Rainer Röhr. "Und wir waren es leid, immer in die Billigecke gestellt zu werden."

Die Tarifpartner haben die Lohnuntergrenze mit hohen Erwartungen versehen. "Lohndumping hat im Friseurhandwerk keinen Platz. Ebenso wenig wie Preisdumping. Denn Löhne und Preise sind im personal- und arbeitsintensiven Friseurhandwerk zwei Seiten einer Münze", formulierte der Zentralverband nach der Einigung. Zum kompletten Bild gehört auch, dass sich wegen der geringen Verdienstmöglichkeiten und des sinkenden Images immer weniger junge Menschen für eine Friseurlehre begeistern ließen. Im vergangenen Jahr fingen nur noch 11 033 Lehrlinge an, 7,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Die Preise für Haarschnitte und weitere Dienstleistungen sind in der Folge des Mindestlohns bereits deutlich gestiegen und werden weiter klettern. Ein Männer-Haarschnitt für unter 20 Euro sei künftig nicht mehr machbar, ließ sich Michael Klier von der gleichnamigen Friseur-Kette aus Wolfsburg in der Diskussion vernehmen. Seine Kette hat 2013 die Preiserhöhungen offensiv kommuniziert und dafür bei den Kunden nicht nur Verständnis geerntet. "Da ist auch mancher vom Stuhl aufgestanden", berichtet Unternehmenssprecher Rüdiger Schmitt.

Einer Branchenanalyse des Münchner Ifo-Instituts zufolge hat sich der Preisanstieg bei den Friseuren seit Mitte 2013 verschärft und betrug zu Jahresbeginn bereits 4,5 Prozent - deutlich über der allgemeinen Preissteigerungsrate von gut 1 Prozent.

Mindestens 20.000 Friseursalons bundesweit zahlen keine Umsatzsteuer, weil sie gegenüber dem Finanzamt einen Jahresumsatz von weniger als 17.500 Euro erwarten. Wie viel Geld sie hinterher tatsächlich in der Kasse haben, kontrolliere niemand, beklagt der Verband. Den Kostenvorteil von 19 Prozent könnten die kleinen Anbieter nahezu vollständig an die Kunden weitergeben. Vernachlässigte Altersvorsorge und Selbstausbeutung brächten für den Moment weitere Kostenvorteile.