Folgen für die Sparer sind fatal
"Es wird immer schwerer, mit Zinsprodukten eine gute Rendite zu erzielen", ist Verbraucherschützerin Oelmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf überzeugt. Zwar geben Geldinstitute eine Leitzinssenkung in der Regel erst mit einigen Wochen Verzögerung an die Kunden weiter. Unter Berücksichtigung der Inflationsrate von derzeit 0,8 Prozent verlieren viele Sparer bei manchen Angeboten sogar Geld.

Laut der FMH-Finanzberatung zahlen einige Institute für Einlagen auf Sparbüchern derzeit schon den EZB-Zinssatz von 0,05 Prozent. Spitzenanbieter zahlen immerhin bis zu 1,3 Prozent Zinsen. Bei Tagesgeldkonten schwanken die Zinssätze zwischen 0,8 und 1,4 Prozent.

"Wer Rendite erwirtschaften will, sollte etwas Mut beweisen", rät die Verbraucherschützerin. Statt auf vermeintlich sichere Zinsprodukte zu setzen, könnten Anleger in Aktien investieren. Ein Beispiel: Angenommen, ein Anleger investierte 2010 in den deutschen Aktienindex Dax. Verkaufte er die Wertpapiere Ende 2011, machte er laut Deutschem Aktieninstitut (DAI) einen Verlust von 14,7 Prozent. Verkaufte er Ende 2012, lag seine jährliche Rendite wieder bei 4,9 Prozent. Hält der Anleger die Aktien immer noch, liegt seine jährliche Rendite bei 9,2 Prozent. (dpa)

Frankfurt/Main (dpa) l Unter der Führung des Italieners Mario Draghi hat die Europäische Zentralbank den Leitzins am Donnerstag auf 0,05 Prozent gesenkt und damit praktisch abgeschafft. Das sei kein guter Tag für Sparer in Europa, wettert Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon. Die Zinskosmetik verdeutliche, dass die Zentralbank immer näher an das Ende ihrer geldpolitischen Möglichkeiten stoße.

Ins gleiche Horn bläst Andreas Martin, Vorstand des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR): Das von der erneuten Zinssenkung ausgehende negative Signal auf die Sparanreize der Bundesbürger sei sehr bedenklich, insbesondere mit Blick auf eine ausreichende private Altersvorsorge.

Doch Draghi sieht keinen anderen Ausweg aus der Misere, als die Kreditvergabe an Unternehmen mit immer billigerem Geld und immer mehr Liquidität im Markt anzutreiben. Noch im Frühjahr schien die Krise im Euroraum fast schon überwunden. Doch nicht zuletzt der Russland-Ukraine-Konflikt trübte die Stimmung von Unternehmen und Verbrauchern nachhaltig ein, Investitionen fielen aus, die Konjunktur stagnierte. Auch deshalb bleibt der Preisauftrieb mickrig. "Wir mussten handeln. Das ist unsere Pflicht", sagt Draghi. Denn die Inflation fiel zuletzt auf 0,3 Prozent. Was auf den ersten Blick nach guten Nachrichten für Verbraucher klingt, ist in Wirklichkeit gefährlich - denn bei dauerhaft sinkenden Preisen gerät die Wirtschaft in eine Abwärtsspirale.

Draghi hat zwar schon mehrfach eingestanden, dass er die Wirkung der Niedrigzinspolitik auf die Sparer bedaure. Aber er argumentiert: Die EZB wolle die Kreditvergabe erhöhen und damit die Konjunktur stärken. Das schaffe Arbeitsplätze und Wohlstand. Wenn es so weit sei, könnten die Zinsen wieder steigen.

Bis dahin sind die Zeiten zumindest für Kreditnehmer rosig. Die Konditionen für Darlehen seien bereits auf ein historisches Allzeittief gefallen, betont Michiel Goris, Vorstandsvorsitzender der Interhyp AG, eines Vermittlers privater Baufinanzierungen: "Bei den günstigsten Anbietern sind zehnjährige Immobilienkredite ab rund 1,6 Prozent erhältlich." Die Mehrheit der Immobilienkäufer erhalte ihre Finanzierung bei entsprechendem Eigenkapitaleinsatz ab rund 1,8 Prozent bei einem Darlehen auf zehn Jahre.

Sparer dürfte das nur wenig trösten. Mit ihrem Niedrigzins hat die EZB den Boden erreicht. Nun seien die Regierungen umso dringender gefordert, Strukturreformen umzusetzen, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen und die Arbeitslosigkeit zu senken, sagt Draghi. Schon mehrfach hatte er die Politik aufgefordert, die Flexibilität des Stabilitäts- und Wachstumspakts zu nutzen.

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