Magdeburg l Ein zu einem exquisiten fahrenden Getränke-Stand umgebautes Feuerwehr-Auto, ein demselben Zweck dienender Framo-Transporter aus alten DDR-Beständen, ein von schweren Kaltblütern gezogener historischer Bierwagen - wenn es darum geht, für seine Ware originell zu werben, ist der Magdeburger Unternehmer Ulf Steinforth um keine Idee verlegen. So war es, als er seinen SES-Boxstall binnen einem Dutzend Jahren von Null auf Position zwei in Deutschland katapultierte. Und mit ähnlicher Kreativität geht er jetzt daran, der seit Mitte der neunziger Jahre ausgetrockneten Bier-Oase Magdeburg neues Leben einzuhauchen.

Steinforth ist ein Sudenburger Kind, seine Urgroßeltern hatten hier im Magdeburger Südwesten in den zwanziger Jahren schon ein Speditionsgeschäft. Die Brauerei und deren Slogan "... und nach der Arbeit trinken wir das gute Sudenburger Bier" kennt er noch aus Kindertagen.

"Ich fand es einfach traurig, wie hier nach der Wende in der Stadt eine alte Tradition vor die Hunde ging", sagt Steinforth. "Da wollte ich gegensteuern. Zunächst gar nicht einmal so sehr aus unternehmerischen Motiven, sondern weil ich als Sohn der Stadt und alter Sammler von Gerstensaft-Devotionalien der Überzeugung bin: Magdeburg braucht wieder sein eigenes Bier."

Als der erste Versuch, die Colbitzer Brauerei zu übernehmen, scheiterte, war der Ehrgeiz erst so richtig geweckt. Also erwarb der 47-Jährige die Markenrechte am "Sudenburger Bier" und am Magdeburger Getränkekombinat. Seit drei Monaten nun fließt der erste Gerstensaft des neuen Unternehmens. "Das Resultat hat uns fast umgehauen", sagt Marketingchef Christoph Hawerkamp. "Wir kommen mit dem Liefern zuweilen gar nicht mehr nach."

Zurzeit kommt das "Sudenburger", das als "Pils", "Helles" und "Bock" und in einer 0,3-Liter-Bügelflasche (im Volksmund auch "Maurerflasche" genannt) ausgeliefert wird, noch aus dem fränkischen Naila. Derzeit liegt der Ausstoß bei gut 500 Hektolitern pro Monat. Tendenz: steigend. Angeboten wird es in etwa 100 Supermärkten, Restaurants und Hotels in Magdeburg und Umgebung. "Diese Konzentration auf die Landeshauptstadt wollen wir weiter beibehalten", unterstreicht Steinforth. "Wir besinnen uns auf die regionale Identität."

Und da, so scheint es, ist der Magdeburger genau in die richtige Nische gestoßen. Das bestätigt man auch beim Deutschen Brauer-Bund. "Der Trend geht zu kleineren Braustätten. Die Vielfalt der Marken wächst", sagte dessen Pressesprecher Marc-Oliver Huhnholz.

Denn: Die heimischen Brauer stehen vor dem Problem, dass der deutsche Markt insgesamt kaum noch Wachstumspotenzial bietet. Zwar trinkt jeder Deutschen weiterhin im Jahr durchschnittlich 107 Liter. Doch das ist weit weniger als in den vergangenen Jahrzehnten. "Es gibt aktuell keinen Faktor, der diesen Trend jemals wieder umdrehen könnte", sagt der Brauereifachmann Reiner Klinz von der Beratungsgesellschaft KPMG. Die Promillegrenze im Straßenverkehr verhagelt offenbar vielen den Biergenuss, besonders nach Feierabend. Der demografische Wandel tut sein Übriges. "Ältere Menschen trinken einfach weniger Alkohol", so Klinz.

Viele Brauer versuchen deshalb, den deutschen Markt wiederzubeleben. "Jetzt ist die Zeit für die berühmten Nischen gekommen", prognostiziert Huhnholz vom Brauerbund. "Wenn hier jemand mit Geschick, einem richtigen Marketing und vielleicht noch einem zweiten Standbein herangeht, kann das erfolgreich sein." Eine Strategie ist es dabei, verstärkt auf Regionalität und die typischen Werte eines mittelständischen Unternehmens zu setzen: Das Vertrauen der Verbraucher, die Loyalität der Mitarbeiter.

Genau hier setzt man auch in Magdeburg an - ebenso wie übrigens sein regionaler Mitbewerber Colbitz (das sich inzwischen im Besitz der Wolters-Brauerei Braunschweig befindet) und die meisten der anderen 17 noch in Sachsen-Anhalt tätigen kleineren Braustätten. Neben Sudenburg hat Steinforth auch gleich noch die Garley-Brauerei in Gardelegen und die Feldschlösschen-Brauerei im thüringischen Greiz erworben.

Ist das denn finanziell für einen Selfmademan überhaupt zu stemmen? Steinforth: "Natürlich ist das nicht einfach. Beim Boxen war es auch nicht leicht. Im Übrigen setzen wir nicht so sehr auf Bankkredite, sondern holen vielmehr Kapitalgeber und Investoren ins Boot." Es gebe da sehr ermutigende Zeichen ...

"Mir schwebt vor", blickt Steinforth voraus, "Garley, das als älteste Brauerei Deutschlands gilt, zur sogenannten A-Marke zu machen, die im Osten zur Nummer eins werden könnte. Greiz könnte dann so etwas wie eine Rolle als Experimentier-Werkstatt übernehmen, wo junge Braumeister an neuen Sorten tüfteln sollen." Nicht nur nebenbei: Wenn alles gut laufe, könnten am Ende etwa rund 100 neue Arbeitsplätze herausspringen.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Die Gegenwart heißt: eine eigene Brauerei in Magdeburg hochziehen. "Wenn alles klappt, haben wir Anfang 2015 ein Grundstück. Und dann läuft bald wieder der erste in Magdeburg gebraute Gerstensaft aus den Hähnen. Das Bier von hier eben."

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