Berlin (dpa) l Er traut sich tatsächlich noch allein auf einen Bahnhof. An dem Tag, an dem Claus Weselsky den bisher längsten Bahnstreik in diesem Jahr vom Zaun bricht, baut er sich auf einem belebten Bahnsteig in seiner Heimatstadt Dresden auf. Kein Personenschutz, keine weiteren Lokführer, nicht mal ein Pressesprecher. Der Mann, der gerade dabei ist, Tausenden Deutschen den Start in die Herbstferien zu verderben,braucht das nicht.

Martin Luther - keinen Geringeren hat sich der 55-Jährige zum Vorbild genommen, den Reformator, der seine Kirchenkritik gegen alle Widerstände durchfocht und so die Reformation auslöste.

Weselsky, Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), geht es um mehr Geld für rund 20 000 Lokführer und etwas mehr Macht für seine Gewerkschaft. Aber: "Luther hat seine Ziele und Ideale aufrichtig verfochten." So begründet Weselsky die Wahl seines Vorbilds in einem "Zeit"-Interview.

Weselsky, CDU-Mitglied, tritt stets akkurat auf. Manche beschreiben ihn als kühl. Doch wenn er in Rage gerät, kann der Liebhaber klassischer Musik auch unfein werden. Mit einem Behindertenvergleich zog er vor Wochen viel Kritik auf sich und musste sich entschuldigen. Starke Worte auch im Tarifkonflikt mit der Bahn: "Scheinheiligkeit" ist einer der eher noch freundlichen Vorwürfe.

Im Tarifkonflikt geht er aufs Ganze, er ist sich seiner Macht bewusst. Fast vier von fünf Bahn-Lokführern sind in der GDL organisiert, das macht die Gewerkschaft schlagkräftig. Ihn hatte die Reichsbahn in den 1970ern erst zum Schlosser, dann zum Lokführer ausgebildet. Bis 1992 arbeitete Weselsky im Beruf, zuletzt als Personaldisponent und Lokleiter in Pirna. In der GDL stieg er 2007 zum Bundeschef auf. Kritiker dort werfen ihm einsame Entscheidungen vor. In gewisser Weise passt das zu einem Lokführer, der allein im Führerstand verantwortlich für die Reisenden ist.