Fachkräfte aus dem Ausland
Zwischen 2009 und 2013 ist die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter aus dem Ausland von 6700 auf 11576 gestiegen. Der Anteil an den Gesamtbeschäftigten stieg von 0,9 auf 1,5 Prozent. Die Zahl der Azubis stieg im gleichen Zeitraum von 154 auf 254. Von der Bundesagentur für Arbeit werden aber auch nur jene erfasst, die sich bei der Behörde melden.

Von den 11576 Fachkräften stammten die meisten aus Polen, der Türkei, Vietnam und Russland. Spanien ist in der Top-Ten nicht vertreten, der Trend zeigt aber nach oben.

Der Blick auf die Branchen zeigt, dass die meisten Ausländer in der Hotellerie, Medizin, Gastronomie sowie in den Bereichen Metallbau, Reinigung und Hochbau arbeiten.

Magdeburg l Victor ist etwas zurückhaltend, aber ein Lächeln kann er bei der Frage, wie es ihm in seinem neuen Job geht, nicht verbergen. "Ich fühle mich sehr wohl", sagt der 32-jährige Spanier, der bei der Seniorenhilfe Haldensleben seit August eine Ausbildung zum Altenpfleger macht.

Victor ist einer von rund 100 Spaniern, die allein in diesem Jahr über die Bundesagentur für Arbeit und die Industrie- und Handelskammern nach Sachsen-Anhalt in eine Ausbildung vermittelt wurden. Für sie ist es eine Chance, der Wirtschaftskrise in ihrer Heimat zu entkommen. Victor stammt aus La Pobla de Vallbona, einem Vorort der Großstadt Valencia. 25 Prozent beträgt dort die Arbeitslosenquote insgesamt, unter Jugendlichen beträgt sie 57 Prozent. Nicht weniger katastrophal fallen die Arbeitsmarktdaten für andere Landesteile Spaniens aus.

"Es gibt in meiner Heimat keine Arbeit, deswegen bin ich froh, hier zu sein", sagt Victor. Mit Altenpflege hatte er in Spanien zwar noch nicht zu tun, aber er ist die Arbeit mit Menschen gewohnt. "Ich habe schon als Rettungssanitäter gearbeitet und habe eine Ausbildung zum Masseur gemacht."

"Auf den Zeugnissen stehen meistens nur noch Dreien und Vieren." - Günter Sandt, Hotelinhaber

Claudia Bohndick, leitende Pflegefachkraft der Seniorenhilfe, ist froh, dass Victor da ist. "Wir bilden seit 2003 unsere Fachkräfte selbst aus, haben aber Jahr für Jahr immer weniger Bewerbungen für freie Lehrstellen." Zwar sei die Bezahlung für Azubis nicht schlecht, aber nur wenige junge Leute würden nachts, an Wochenenden und Feiertagen Schichtarbeit in Kauf nehmen. "Es bleiben dann nur die übrig, die die Arbeit aus Überzeugung machen", erklärt Bohndick.

Bislang habe sich Victor bestens in den Arbeitsalltag eingefunden, meint die leitende Pflegefachkraft. Einziges Pro- blem: Mit dem Deutsch hapert es noch etwas. Victor hatte in Spanien nur einen zweimonatigen Crashkurs, hier muss er nun neben der Ausbildung einen weiteren Deutschkurs besuchen. Im Joballtag lassen ihn seine Kollegen aber nicht alleine. Altenpfleger Sascha Grzesik (24) hat seine Schichten so gelegt, dass er Viktor im Zweifelsfall unterstützen kann. "Das meiste versteht Victor ja auch - er kann nur noch nicht so gut sprechen", erzählt Grzesik. Selbst für die Senioren, die Viktor betreut, sei das aber kein Problem. "Victor hat bei ihnen einen sehr guten Stand, er behandelt sie freundlich und zuvorkommend."

Froh über Unterstützung aus dem Ausland ist auch Günter Sandt, Inhaber des Biederitzer Hotels "Zur Alten Oberförsterei". "Ein Freund hat mir erzählt, dass die IHK Magdeburg Azubis vermittelt - da habe ich dann Interesse angemeldet", erzählt Sandt. Der 56-Jährige hat schon seit Jahren Probleme, qualifizierten Nachwuchs zu finden. "Auf den Zeugnissen, die bei mir auf dem Tisch landen, stehen meistens nur noch Dreien und Vieren", klagt er. "Viele Bewerber haben auch schon mehrere Anläufe auf eine Ausbildung unternommen und sind gescheitert." Was ihm hauptsächlich bei deutschen Jugendlichen fehlt: "Die nötige Qualifikation, Zuverlässigkeit und Motivation."

Ganz anders sei das bei den jungen Leuten aus dem Ausland. Seit Anfang September macht die 23-jährige Rocio eine Ausbildung zur Hotelfachkraft bei ihm. "Rocio hat etwas im Kopf und ihre Motivation ist auch eine ganz andere", schwärmt Sandt.

"Die Lücke könnte die Wirtschaft vor unlösbare Aufgaben stellen." -
IHK-Hauptgeschäftsführer Wolfgang März

Wie Victor in der Altenpflege hat sich auch Rocio keinen einfachen Beruf ausgesucht. Auch sie muss früher oder später in Schichten arbeiten. Doch Rocio ist ehrgeizig. "Mir macht das Spaß und ich habe Pläne", verrät sie. Nach der Ausbildung will Rocio nämlich noch eine Hotel-Management-Fortbildung draufzusatteln, um später auch in größeren Hotelketten arbeiten zu können.

Günter Sandt findet das klasse, auch wenn er damit rechnen muss, dass Rocio seinen Betrieb wieder verlässt. "Ich habe der IHK Magdeburg bereits signalisiert, dass ich im kommenden Jahr weitere Azubis aus dem Ausland beschäftigen möchte."

Die IHK Magdeburg will Unternehmen weiterhin dabei unterstützen, ausländische Azubis und Fachkräfte zu finden. "Der in einigen Bereichen bereits vorhandene Mangel an Fachkräften und Auszubildenden wird sich in Zukunft weiter verschärfen", warnt IHK-Hauptgeschäftsführer Wolfgang März. "Die Zahl der Schulabgänger sinkt, und die Zahl der Berufsaussteiger steigt. Wir sehen das alljährlich an der stetig wachsenden Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze." Die immer größer werdende Lücke könnte die Wirtschaft in 10 bis 15 Jahren vor "unlösbare Aufgaben" stellen.

März betont, Unternehmen, die bereits heute junge Menschen aus Europa oder anderen Ländern ausbilden, können frühzeitig diesem Trend entgegenwirken. Kay Senius, Chef der Arbeitsagenturen in Sachsen-Anhalt, unterstützt solche Bemühungen ebenfalls: "Wir brauchen qualifizierte Zuwanderer. Ausländische Beschäftigte sind keine Bedrohung, sondern eine Chance."

Senius mahnt allerdings an, dass die Zuwanderer auch attraktive Rahmenbedinungen bräuchten: "Das beinhaltet qualifizierte Jobs, eine gute Bezahlung und eine Willkommenskultur." An der Bezahlung hapert es in Sachsen-Anhalt an manchen Stellen allerdings noch. Im Gastgewerbe etwa erhalten Azubis selbst im dritten Lehrjahr lediglich 643 Euro brutto. Im Fall der Spanierin Rocio sieht es etwas anders aus. Sie wird über ein Bundesprogramm gefördert, ihr Lohn wird dadurch auf 815 Euro aufgestockt. Auch Viktor erhält diese Förderung. Agentur-Chef Senius betont außerdem: "Wir dürfen nicht der Illusion erliegen, dass wir den Fachkräftebedarf allein durch Zuwanderung lösen können."

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