Sortiment: Vor allem ab Mitte der 1960er Jahre gab es nach Erkenntnissen des Handelsverbands zunehmend Probleme für Warenhäuser. Ein Grund war der Zuwachs an neuen Fachgeschäften, die sich auf Waren spezialisiert hatten und den Kunden mehr Vielfalt bieten konnten.

Preis: Größere Fachhändler haben nicht nur Vorteile durch mehr Facetten eines Produkts, sie können es in der Regel auch günstiger anbieten. Gerade Textil-Discounter machten dem Warenhaus, das stark durch sein Modesortiment geprägt ist, zuletzt das Leben schwer.

Onlinegeschäft: Hinzu kommt der Internethandel, der auch anderen Einzelhändlern zunehmend das Wasser abgräbt. Während die meisten Online-Anbieter im vergangenen Weihnachtsgeschäft zweistellige Zuwachsraten verzeichneten, schrumpften die Verkäufe von Karstadt über das Internet.

Infrastruktur: Handelsexperte Jörg Funder von der Fachhochschule Worms sieht auch einen Grund in mangelhafter IT-Infrastruktur. Dadurch sei die Steuerung der Warenbestände erschwert worden. Warenhäuser wüssten dadurch nicht: Was verkauft sich gut, was nicht?

Investitionsstau:Branchenkenner sind sich einig, dass in den vergangenen Jahren zu wenig investiert wurde. Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein schätzt den Investitionsstau bei Karstadt auf mindestens 1,5 Milliarden Euro. So viel Geld wäre nach seiner Auffassung nötig, um Karstadt zukunftsfähig auszurichten.

Servicekultur: Alltägliche Ware zu alltäglichem Service - so beschreibt Branchenkenner Funder das Warenhaus. Innovationen, die den Einkauf für Kunden zum Erlebnis machten, gebe es dort nicht mehr. (dpa)

Essen (dpa) l Drei Monate nach dem überraschenden Abgang der Hoffnungsträgerin Eva-Lotta Sjöstedt braucht der tief in der Krise steckende Karstadt-Konzern dringend eine neue Führung. Bei der für Donnerstag angesetzten Sitzung des Aufsichtsrats könnte nach Medienberichten nun endlich eine Lösung gefunden und ein neuer Chef der angeschlagenen Essener Warenhauskette installiert werden.

Einziger Kandidat für den derzeit wohl schwierigsten Job im deutschen Einzelhandel ist den Berichten zufolge der bisherige Karstadt-Aufsichtsratschef Stephan Fanderl. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür zunächst allerdings noch nicht.

Schneller Personalwechsel in der Karstadt-Führung

Sicher ist auf jeden Fall: Die Aufgaben, die auf den neuen Karstadt-Chef warten, sind gewaltig. Der Konzern muss tiefgreifend umgebaut, die Marke wieder aufpoliert werden. Und die Mitarbeiter müssen neue Motivation spüren. Erschwert werden all diese Aufgaben noch durch das eher unglückliche Agieren der Vorgänger.

So hatte der noch unter der Regie des mittlerweile wieder abgetretenen Karstadt-Eigners Nicolas Berggruen zum Chef berufene frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings drei Jahre lang vergeblich versucht, das Ruder bei Karstadt herumzureißen. Ihm folgte Anfang dieses Jahres die ehemalige Ikea-Managerin Sjöstedt, die schon nach wenigen Monaten im Sommer wieder das Handtuch warf.

Derzeitiger Interimschef ist Finanzvorstand Miguel Müllenbach. Er nutzte in dieser Woche kurz vor der Sitzung des Aufsichtsrats noch einmal die Gelegenheit, die rund 17.000 Karstadt-Beschäftigten auf eine harte Sanierung einzustimmen.

Wolfram Keil könnte in Karstadt-Aufsichtsrat wechseln

Sollte Fanderl tatsächlich vom Aufsichtsratsvorsitz auf den Chefsessel wechseln, wäre dies ein ungewöhnlicher Schritt. Ungewöhnlich, aber nicht beispiellos: Ausgerechnet beim einstigen Karstadt-Mutterkonzern Arcandor/KarstadtQuelle gab es vor knapp einem Jahrzehnt eine ähnliche Konstellation, als Thomas Middelhoff den Posten des Oberkontrolleurs räumte und in die Rolle des Vorstandsvorsitzenden schlüpfte. Gerettet hat dies den Konzern damals allerdings nicht.

Andererseits gilt Fanderl als äußerst erfahrener Handelsexperte. Berufserfahrung sammelte er unter anderem als Vorstandsmitglied der Kölner Rewe-Gruppe und beim US-Handelsriesen Wal Mart. Sollte Fanderl Karstadt-Chef werden, gilt Wolfram Keil - Geschäftsführer der Firma Signa Retail GmbH des Karstadt-Eigners René Benko - derzeit als chancenreicher Kandidat für die Nachfolge an der Aufsichtsratsspitze. Keil hat sich als kompromissloser Sanierer einen Namen gemacht.

Der Druck auf den neuen Chef wird auf jeden Fall massiv sein. Bereits vor der Sitzung des Aufsichtsrats forderte die Gewerkschaft Verdi die Vorlage einer schlüssigen Strategie.

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