In Russland macht sich Angst vor einem Kollaps der lange Zeit von soliden Ölpreisen verwöhnten Wirtschaft breit. Die stark gesunkenen Preise für das "schwarze Gold" reißen Löcher in den Haushalt der Rohstoffmacht - und ziehen den Rubel in den Abgrund.

Moskau (dpa) l Den wahren Zustand der zunehmend als düster geschilderten Wirtschaftslage in Russland kennt wohl nur ein erlesener Machtkreis in Moskau. "Warum schweigen Sie?", fragt anklagend die Boulevardzeitung "Moskowski Komsomelez" auf ihrer Titelseite. "Die Panik wächst!", mahnt das Blatt. Der massive Wertverlust des Rubels, der niedrige Ölpreis und die zunehmend drückenden Sanktionen des Westens versetzen viele Russen in Angst.

Wer arbeitet, spürt, dass sich Lohnzahlungen verzögern, Prämien gestrichen und Kollegen entlassen werden. Die Preise für Lebensmittel steigen rapide. Es gibt Hamsterkäufe etwa bei Grundnahrungsmitteln wie Buchweizen.

Unternehmer beklagen, es fehle Geld an allen Ecken und Enden, weil Investoren kaum noch Projekte starten. Neue Steuergesetze sind im Gespräch. Viele Sparer beginnen Berichten zufolge damit, Konten zu leeren - aus Angst, die Ersparnisse könnten - wie nach dem Zerfall der Sowjetunion - einfach im Nichts verschwinden. Mancher Russe erinnert sich daran, dass der Rubel 1994 an einem Tag 300 Prozent seines Wertes verlor.

Für einen Euro mussten jene Russen, die gern reisen oder Geld lieber in westlichen Währungen anlegen, zuletzt zeitweilig bis zu 60 Rubel hinlegen, zum Jahresanfang waren es noch etwa 45 Rubel. Viele beschweren sich über den "Höllenritt" der Währung, die immer schwächelt, wenn auch der Ölpreis sinkt.

Die Zentralbank gab den Rubel-Kurs nach langer Stützung erst in dieser Woche frei. Kommentatoren äußerten sich skeptisch, ob die Maßnahme Wirkung zeigt. Selbst kremltreue Medien listeten die vielen widersprüchlichen Aussagen von Bankenfunktionären und Ministern der vergangenen Monate auf. "Rettet den Rubel jemand?" - war in Schlagzeilen zu lesen. Zum Dollar lag der Wertverfall der russischen Währung bei rund 50 Prozent innerhalb von drei Monaten.

Klartext sprach dann zwar der Minister für Wirtschaftsentwicklung, Alexej Uljukajew: Wegen der Rubelabwertung, aber auch wegen der hohen Inflation müssten sich die Russen auf sinkende Einkommen und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit einstellen. Lösungen bot er aber nicht. Durch die Sanktionen des Westens im Ukraine-Konflikt steht Russland ohnehin unter Druck. Und neue Strafmaßnahmen drohen.

Ex-Finanzminister Alexej Kudrin erinnerte daran, dass der Ölpreis in den vergangenen drei Monaten um 30 Prozent gesunken sei. Er warnt seit Jahren, Russland sei gefährlich abhängig von Rohstoffverkäufen. Traditionell speist sich das Budget zwischen 40 und 50 Prozent aus dem Ölverkauf. Für seinen Haushalt legt Russland jedes Jahr eine Prognose zugrunde. Fällt der Ölpreis dann niedriger aus, ist der Haushalt nicht mehr gedeckt. Für 2015 erwartet Moskau nur 60 Dollar je Barrel - statt der ursprünglich erhofften 95 Dollar.

Kremlchef Wladimir Putin nannte dieser Tage die Krisen und internationale Konjunkturschwäche als Gründe für den niedrigen Ölpreis. Aber es ist längst nicht das einzige Problem. Weil der politische Kurs Russlands als unberechenbar gilt, ziehen Anleger weiter Kapital ab. Die Zentralbank korrigierte auch diese Prognose noch einmal auf 129 Milliarden US-Dollar für 2014 statt der ohnehin befürchteten 90 Milliarden US-Dollar. Der Kapitalabfluss dauert an.

Auch Russlands solides Finanzpolster wird zusehends dünner. Die bereits deutlich gesunkenen Währungsreserven schrumpfen bis Jahresende auf 422 Milliarden US-Dollar, wie die Zentralbank mitteilte. 2016 und 2017 könnten sie auf unter 400 Milliarden sinken. Analysten erwarten, dass die Sanktionen des Westens mindestens bis dahin dauern. Für dieses Jahr hat die Zentralbank die Wachstumsprognose für die Wirtschaft angesichts der vielen Schwierigkeiten zuletzt auf 0,3 Prozent gesenkt. Im kommenden Jahr sei eine Null zu erwarten, hieß es - Stillstand also.

Vor den Augen der Weltöffentlichkeit gibt sich Kremlchef Wladimir Putin beim Asien-Pazifik-Gipfel (Apec) in Peking gelassen. Er räumt Probleme ein, meint aber in sicherem Ton, dass diese vorübergehend seien. Vor allem Spekulanten verdienten an der Angst der Menschen und an den Rubelschwankungen, meinte er. Ein Eingreifen aber lehnt er ab. Auch die Staatsverschuldung bleibe auf "ungefährlichem Niveau" von unter 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zumindest der Rubel erholte sich nach seiner Apec-Rede etwas. Stabil scheint aber vorerst nur die Krise.