Visionen sind nichts für Wirtschaftsminister Hartmut Möllring. Im Interview mit den Volksstimme-Reportern Dominik Bath und Matthias Stoffregen verrät der CDU-Politiker, wie er Sachsen-Anhalt voranbringen will.

Volksstimme: Herr Möllring, die Wände in Ihrem Büro sind mittlerweile weiß. Mochten sie die hellgrünen Töne ihrer Amtsvorgängerin Birgitta Wolff nicht?

Hartmut Möllring: Wir hatten Maler im Haus und ich bin gefragt worden, ob sie in meinem Büro auch streichen sollen. Da ich nun schon ein Jahr hier bin und in den Farben meiner Vorgängerin gearbeitet habe, wurde das gemacht. Ich habe auch neue Bilder aufgehängt. Aber unter den Umständen, unter denen ich nach Sachsen-Anhalt gekommen bin, gab es sicher Wichtigeres als direkt neu zu streichen und neue Bilder aufzuhängen. Nach einem guten Jahr war das jetzt zu vertreten.

In Niedersachsen waren Sie Finanzminister, jetzt sind Sie Wirtschafts- und Wissenschaftsminister. Können Sie Erfahrungen, die Sie in Ihrem alten Job gemacht haben, im neuen nutzen?
Minister ist Minister. Man kann natürlich eine ganze Menge von den Erfahrungen, die man gemacht hat, verwerten. Hier in Sachsen-Anhalt ist die Politik im Landtag etwas geruhsamer als in Niedersachsen. Der Streit zwischen Opposition und Regierung ist in Hannover doch immer heftiger geführt worden, als ich das hier feststelle.

"Ich habe alle 500 Bewerbungen selber unterschrieben."

Hatten Sie Visionen für Sachsen-Anhalt bei Ihrem Amtsantritt?
Ich hatte kaum Zeit, Visionen zu entwickeln. Die Anfrage, hier Minister zu werden, bekam ich Donnerstagnacht. Entschieden habe ich mich am darauffolgenden Montagmorgen. Aber wenn uns eines noch deutlicher gelingen sollte, dann ist das die Verzahnung unserer sieben Hochschulen im Land mit der Wirtschaft. Die Zusammenarbeit ist insofern wichtig, weil hier im Land wenig privat geforscht wird. Das liegt daran, dass wir kaum Firmenzentralen haben. Die Muttergesellschaften sitzen woanders. Und Forschung und Entwicklung findet meist da statt, wo der Chef sitzt. Das ist das Problem. Da haben wir Luft nach oben.

Wollen Sie große Konzerne und ihre Forschungseinrichtungen anlocken oder lieber kleinere Unternehmen, die es hier gibt, beim Wachsen unterstützen?
Das zweite ist die einzige Möglichkeit. Jetzt zu glauben, es kommt 25 Jahre nach dem Mauerfall noch ein neues Automobilwerk auf die grüne Wiese, wäre weltfremd. Unsere am Dienstag veröffentlichte Mittelstandsoffensive zeigt, dass wir gute Ansätze haben, wie wir kleine und mittlere Unternehmen dabei unterstützen können, zu wachsen. Insgesamt haben wir 19 verschiedene Förderinstrumente für den Mittelstand und da wäre es ganz komisch, wenn nicht eines passen würde.

Der Magdeburger Ökonom Karl-Heinz Paqué kritisiert, die Wirtschaftsförderung werde zu breit gestreut.
Für einen Professor ist es immer leicht, Modelle zu erklären. Nur die entsprechen nicht immer der Lebenswirklichkeit. Und wir haben ja schon gemeinsam mit der EU fünf Leitmärkte definiert, die wir verstärkt fördern: Gesundheit und Medizin, Chemie und Bioökonomie, Maschinen- und Anlagenbau, Mobilität und Logistik, Ernährung und Landwirtschaft. Wir können es uns nicht leisten, eine noch strengere Auswahl zu treffen. Das ist wie beim Briefmarkensammeln: Am Anfang nimmt man erst mal alles und hinterher kann man sich dann spezialisieren. Aber soweit sind wir noch nicht.

Um Firmen nach Sachsen-Anhalt zu locken, hat die landeseigene Marketinggesellschaft Bewerbungsmappen an Familienunternehmen in Deutschland verschickt. Was halten Sie davon?
Ich finde, das ist eine ganz witzige Idee. Ich habe alle 500 Bewerbungen selber unterschrieben.

Wie lange hat das gedauert?
Dafür habe ich eine halbe Stunde gebraucht. Ich habe festgestellt, dass ich von den 500, die wir angeschrieben haben, fünf Prozent kenne.

"Bayer hätte seine Pillen auch im Westen produzieren können."

Und glauben Sie, eines der Unternehmen überlegt jetzt, hier im Land zu investieren?
Bei Werbung ist es so: Die Hälfte ist sowieso rausgeschmissenes Geld. Man weiß nur nicht welche. Trotzdem muss man Werbung machen. Wenn man so lange in der Politik ist und auch eine Zeitlang Minister gewesen ist, kennt man den einen oder anderen. Es wird natürlich keiner wegen einem Minister Möllring 30 Millionen investieren. Aber man muss die Unternehmen immer mal wieder auf die Idee bringen - irgendwann investieren sie vielleicht doch. Es gibt eben nicht das Land und das Unternehmen. Sondern es gibt Menschen, die für das Land handeln, die für die Unternehmen handeln.

Hat ein Wirtschaftsminister oder Ministerpräsident bei Standortentscheidungen von Unternehmen einen Vorteil, wenn er über Kontakte verfügt?
Ja natürlich. In Sachsen haben sich in der Vergangenheit Firmen angesiedelt, weil das Land Kurt Biedenkopf als Ministerpräsidenten gehabt hat. Der hatte ganz andere Zugänge zu gewissen Kreisen. Das kann man bedauern oder missbilligen, aber das ist so.

Also geht es in der Wirtschaftspolitik viel um persönliche Kontakte.
Ja sicher. Die Rechnung muss für einen Unternehmer schon stimmen, sonst investiert keiner Geld. Aber wenn sich jemand zwischen zwei Standorten entscheiden soll und beide etwa gleichwertig sind, kommt es auf die persönlichen Kontakte an. Warum haben wir denn Bayer in Bitterfeld? Weil Altkanzler Helmut Kohl das Unternehmen, in dem er vor seiner politischen Karriere mal gearbeitet hat, darum gebeten hat, sich im Osten zu engagieren. Bayer hätte seine Pillen auch im Westen produzieren können.

Was hat Sachsen-Anhalt den großen deutschen Unternehmen zu bieten?
Wir haben jede Menge Flächen und eine ausgesprochene Industriefreundlichkeit, insbesondere eine Chemiefreundlichkeit. Wer im Westen ein neues Chemiewerk baut, hat schnell mehr Bürgerinitiativen gegen sich als Kunden. Und wir haben noch gut ausgebildete Fachkräfte und Akademiker.

"Sachsen-Anhalt braucht ein größeres Selbstbewusstsein."

Was Sachsen-Anhalt noch fehlt, ist ein Produkt außer Rotkäppchen, Halloren-Kugeln und Halberstädter Würstchen, wo der Verbraucher sagt, das kenne ich. Wenn BMW seinen neuen I8 in Leipzig bauen lässt, dann sagen die Sachsen natürlich, den bauen wir. Deshalb muss Sachsen-Anhalt die Unternehmen, die in ihren Branchen Weltmarktführer sind, noch bekannter machen.

Braucht Sachsen-Anhalt mehr Selbstbewusstsein?
Ja, Sachsen-Anhalt braucht ein größeres Selbstbewusstsein. Und das könnte das Land auch haben, weil es eine Menge zu bieten hat.

Die Linken laufen sich warm, sie wollen nach der Landtagswahl 2016 an die Regierung kommen. Was würde es aus Ihrer Sicht für die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt bedeuten, wenn hier Rot-Rot-Grün oder Rot-Rot regiert?
Das ist eine schwierige Frage, aber wir wissen, dass in der Zeit, als hier die SPD-Regierung von der Linken geduldet wurde, Standortentscheidungen bei Unternehmen gegen Sachsen-Anhalt getroffen wurden. Wir haben kein Auto-Werk bekommen, obwohl Magdeburg mit seinem Maschinenbau und seinen Facharbeitern prädestiniert gewesen wäre. Der BMW-Chef hat das damals eindeutig gesagt. Aber das ist müßig, weil die Menschen wählen wie sie wählen. Das ist nicht so wie bei einem Vorstand einer Aktiengesellschaft: Wenn der eine blendende Bilanz hinlegt, wird der auf fünf Jahre wiederbestellt. Wahlen entscheiden sich leider anders.

Sie haben eine Wohnung in Magdeburg. Wie lange läuft Ihr Mietvertrag noch?
Der läuft auf unbestimmte Zeit.

Können Sie sich vorstellen, den Job als Wirtschaftsminister über 2016 hinaus weiter zu machen?
Nun lassen Sie uns doch erst mal an das Jetzt und Heute denken.

Aber immerhin haben Sie keinen befristeten Mietvertrag.
Auf die Idee wäre ich auch gar nicht gekommen, ich habe einen ganz normalen Mietvertrag abgeschlossen. Damals habe ich auch nicht viel Zeit gehabt, mir darüber Gedanken zu machen. Die erste Woche habe ich im Hotel gewohnt und dann hatte ich das Glück, sehr schnell eine freie Wohnung zu finden. Dann bin ich in ein Bettenhaus gefahren und habe mir ein Bett gekauft. Und ich habe mir jemanden organisiert, der mir das Bett aufgebaut und die vorher im Internet bestellten Küchenmöbel an die Wand geschraubt hat. Dafür habe ich übrigens auch eine vernünftige Rechnung bekommen. Und seit einigen Wochen habe ich einen Baum in meiner Wohnung. Ich habe mich also komplettiert.

Das heißt, sie haben sich schon etwas wohnlicher eingerichtet in Magdeburg.
Meine Frau sagt Nein, ich sage Ja.