Bochum (dpa) l 20.000 Menschen haben einst in Bochum Opel-Fahrzeuge montiert. Kadett und Manta, Astra und später der Familienwagen Zafira - die millionenfach verkauften Wagen sind Teil der Mobilisierung Deutschlands. Nächste Woche Freitag, am 5. Dezember, stellt das Werk nach 52 Jahren die Serienfertigung ein - ohne öffentliche Abschiedsveranstaltung außerhalb des Werks, aber mit viel Emotion drinnen. "Viele haben noch keinen neuen Job. Das drückt, das kannst du in Scheiben schneiden", sagt ein Mitarbeiter.

Die Bochumer Opelaner sind im Schnitt 50 Jahre alt und über 20 Jahre am Band oder im Betrieb. Ihre Vermittlungschancen auf einem Ruhr-Arbeitsmarkt mit ohnehin überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit sehen Fachleute trotz guter Ausbildung und zweijähriger Transfergesellschaft mit großer Skepsis. "Da ist viel Hilflosigkeit, es gibt keine Ersatzbeschäftigung", sagt Betriebsratschef Rainer Einenkel.

700 Arbeitsplätze bleiben - garantiert zunächst bis 2020 - in Bochum im zentralen Ersatzteillager des Opelkonzerns. Das Lager läuft aber nicht mehr unter dem Opel-Logo, sondern wird vom Opel-Partnerunternehmen Neovia betrieben. Rund 2700 Menschen landen in der Transfergesellschaft.

Mit der Werksschließung endet ein einstiges Vorzeigeprojekt des Strukturwandels an der Ruhr. Das Werk war auf früherem Bergbaugrund errichtet worden, als im Revier das Zechensterben begann. Es beschäftigte nach der Eröffnung 1962 aus dem Stand rund 10.000 Menschen - viele davon arbeitslos gewordene Kumpel.

Mit erfolgreichen Automodellen wie Kadett und Manta wuchs die Mitarbeiterzahl schnell auf rund 20.000. Qualitätsmängel, Fehler in der Modellpolitik und die immer schärfere Konkurrenz ließen seit den 90er Jahren aber den Opel-Marktanteil in Deutschland und damit die Bochumer Beschäftigtenzahlen zusammenschmelzen.

Spätestens seit 2004, als Opel die Motorenproduktion in Bochum beendete, begann in dem Ruhrgebietswerk der Überlebenskampf. Die Mitarbeiterzahl lag damals wieder bei den rund 10.000 vom Beginn und schrumpfte weiter. 2009 entging Opel nur um ein Haar der Insolvenz. Damals ahnten wohl viele, dass das Bochumer Werk keine Zukunft mehr haben würde.

"Opel musste wegen der Überkapazitäten auch nach der Schließung von Antwerpen 2010 noch ein Werk in Europa herausnehmen", sagt Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer. Das ebenfalls bedrohte britische Werk Ellesmere Port habe dann geschickter verhandelt als Bochum - die Entscheidung fiel gegen das Ruhrgebiet. Ein Sanierungstarifvertrag sollte die Schließung der Bochumer Produktion mit - aus heutiger Sicht - relativ großzügigen Angeboten abfedern, aber die Bochumer Beschäftigten trauten ihrer Konzernführung nicht. Sie lehnten den Vertrag als einziges deutsches Werk im Frühjahr 2013 mit großer Mehrheit ab.

Rund 125.000 Euro Abfindung pro Mitarbeiter


Die Werksschließung konnten sie damit nicht verhindern. Rund 550 Millionen Euro zahlt der Autokonzern nach Gewerkschaftsangaben nun für die Jobbörse und Abfindungen in Bochum. Im Schnitt bekommt jeder Mitarbeiter nach Gewerkschaftsberechnung rund 125.000 Euro, die aber versteuert werden müssen.

Wenn die Autoproduktion endet, soll das riesige Werksgelände in innenstadtnaher Lage nicht zur Industrieruine werden wie so viele andere Anlagen an der Ruhr. Die neu gegründete Entwicklungsgesellschaft "Perspektive 2022", an der die Stadt und Opel beteiligt sind, will rund 70 Hektar Werksgelände aufbereiten und neuen Investoren anbieten. Dafür seien zunächst acht Jahre und 50 Millionen Euro Entwicklungskosten einkalkuliert, sagt "Perspektive"-Geschäftsführer Rolf Heyer.

Ein Zeugnis der einst blühenden Autofabrik könnte dauerhaft stehenbleiben: Das tausendfach fotografierte Bochumer Opel-Verwaltungsgebäude am Werk I mit dem gewaltigen Opel-Schriftzug auf dem Dach ist vor kurzem vom zuständigen Landschaftsverband vorläufig unter Denkmalschutz gestellt worden.

Bilder