Münchner Urgestein
Vor 45 Jahren gründete August Markl als Student den Münchner ADAC-Ortsverein Scuderia Magra. Nach seinem Medizin-Studium und der Ausbildung zum Radiologen blieb er dem Automobilclub treu und rückte 1992 als Ehrenamtlicher in den Vorstand des ADAC Südbayern.

Der Skandal um gefälschte Ergebnisse beim ADAC-Autopreis durchkreuzte seine Pläne: Als ADAC-Präsident Peter Meyer das Handtuch warf, musste schnell ein Nachfolger gefunden werden. Markl übernahm und betonte, nicht dauerhaft bleiben zu wollen. Seine Radiologie-Praxis betreibt er schon nicht mehr und freute sich eigentlich auf den Ruhestand.

Nun hat er seine Meinung geändert und will auf Bitten des ADAC-Beirats bis Mai 2017 weitermachen.


Der Weg in die Krise
13. Januar: Der ADAC gibt bekannt, dass die Leser der "Motorwelt" den VW Golf zum "Lieblingsauto der Deutschen" gewählt haben.

14. Januar: Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet von Manipulationen bei der Leserwahl. Der Verein weist das zurück.

17. Januar: ADAC-Kommunikationschef Michael Ramstetter gesteht die Fälschungen, der Verein behält das aber zunächst für sich.

19. Januar: Der ADAC räumt Manipulationen ein.

7. Februar: Deutsche Autokonzerne wollen ihre Preise zurückgeben.

10. Februar: ADAC-Präsident Peter Meyer tritt zurück.

14. April: Interims-Präsident August Markl soll zunächst nur bis zum Ende des Reformprozesses im Amt bleiben.

10. Mai: Die Delegierten des ADAC billigen in Saarbrücken die Reformpläne der Führung.

26. November: Das Amtsgericht München kündigt eine baldige Entscheidung an, ob der ADAC ein Verein bleiben darf.

München (dpa) l Der ADAC? "Eine total verfilzte, kommerziell ausgerichtete Institution, die mit dem Deckmäntelchen des Vereins Geld verdient." Harte Worte zum Auftakt der außerordentlichen Hauptversammlung des ADAC. Ausgesprochen von einem Mann, der stinksauer ist und seine Mitgliedschaft im größten deutschen Autoclub nach mehr als drei Jahrzehnten gekündigt hat.

Ein Film mit seiner Aussage führte an diesem Wochenende rund 200 Vertreter aus den Regionalverbänden schonungslos ins Thema ein - und sollte ihnen wohl noch einmal klarmachen, wie viel für ihren einst so stolzen ADAC auf dem Spiel steht. Nach stundenlangen Vorträgen in der weihnachtlich geschmückten ADAC-Zentrale in München stimmten sie einer grundlegenden Strukturreform für den Verein mit seinen fast 19 Millionen Mitgliedern einstimmig zu. Der neue ADAC soll bescheidener, transparenter und demokratischer daherkommen als bisher.

Der 66-jährige August Markl soll als frisch gewählter Präsident dafür sorgen, dass die Reform so schnell wie möglich umgesetzt wird. Der Münchner Arzt ist seit mehr als vier Jahrzehnten im ADAC und war zunächst kommissarisch an die Spitze gerückt.

Club gründet Aktiengesellschaft

Nun verschiebt er seinen Ruhestand, um dem ADAC zur Genesung zu verhelfen. "Wenn man so lange in einem Verein tätig ist wie ich, ergibt sich daraus eine besondere Verantwortung", sagte er. Seine Kritiker muss er nun davon überzeugen, dass er trotz seiner tiefen Verwurzelung im ADAC eine Erneuerung zustande bringt. 28 der Delegierten stimmten in der geheimen Wahl gegen den Radiologen im Ruhestand.

Der dickste Brocken der Reform, die er angehen wird, ist eine Trennung der Wirtschaftsaktivitäten des ADAC vom Verein. Diese Geschäfte - wie Versicherungsangebote oder Reiseführer - sollen künftig in einer eigenen Aktiengesellschaft gebündelt werden, mit einem Vorstand an der Spitze, der sich nichts von der Vereinsspitze sagen lassen muss. Die längst angemahnte Entflechtung ist eine Voraussetzung dafür, dass der Club seinen Status als eingetragener Verein (e.V.) behalten darf.

Der Vereinsstatus spart dem ADAC viele Millionen Euro Steuern im Jahr und ermöglicht ihm, die Pannenhilfe deutlich günstiger anzubieten als Versicherungskonzerne. Mit einem ersten Signal aus dem Münchner Amtsgericht, das den Fall seit Monaten prüft, ist noch vor Weihnachten zu rechnen. Ohne die Zustimmung zu der Reform hätte der ADAC wohl kaum Chancen gehabt, das Gericht zu überzeugen. Eine außerordentliche Hauptversammlung hatte es beim ADAC seit 1948 nicht mehr gegeben. Aber die Lage war auch noch nie in der Geschichte des Clubs so dramatisch. Der Skandal um Fälschungen beim Preis für das Lieblingsauto der Deutschen, dem "Gelben Engel", brachte im Januar einen Stein ins Rollen. Danach geriet der ADAC unter Generalverdacht. Fast täglich hagelte es neue Vorwürfe. Warum verkaufte der ADAC eigentlich lange Zeit Kindersitze, die er selbst getestet hatte? Warum bekamen Mitglieder Werbepost der Zeitschrift "Reader`s Digest"? Wohin fließen eigentlich die Mitgliedsbeiträge ganz genau? Warum polterte der ADAC in politischen Debatten jahrelang im Namen seiner Mitglieder einseitige Positionen heraus?

In dem neu aufgestellten ADAC soll es derartige Vermischungen nicht mehr geben. Monatelang hatten Heerscharen von Mitarbeitern an der Reform gearbeitet. In den vergangenen Wochen warben die Verantwortlichen auf allen Ebenen des ADAC um Zustimmung. Die öffentliche Debatte bei der Hauptversammlung in München fiel vielleicht auch deshalb weitgehend friedlich aus. Viele der Vertreter aus den Regionen engagieren sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich für den ADAC und hoffen, dass sie irgendwann wieder stolz sein können auf ihren Verein.