Frankfurt a.M. (epd) l Das niedrige Zinsniveau birgt für die deutschen Kreditnehmer neben Vorteilen offenbar auch Gefahren: Verlockend geringe Kreditzinsen können Schuldnern indirekt zum Verhängnis werden, wie Experten des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen und der Zentralen Schuldnerberatung Stuttgart berichten. Gefährlich sei eine höhere Bereitschaft zur Verschuldung. Langfristig könnten auch wieder steigende Zinsen zu Problemen führen.

Laut einer jüngst veröffentlichten Erhebung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform ist im Jahr 2014 in Deutschland die Zahl der überschuldeten Verbraucher angestiegen. 6,7 Millionen Menschen konnten am Stichtag 1. Oktober 2014 ihre Schulden nicht mehr bezahlen. Das sind 90.000 mehr als im Vorjahr - trotz beständig niedriger Zinsen. Die Europäische Zentralbank EZB hatte 2014 die Leitzinsen wiederholt auf Rekordtiefs gesenkt, zuletzt im September auf 0,05 Prozent. Neben Faktoren wie einem problematischen Konsumverhalten oder dem Verlust des Arbeitsplatzes können aber auch günstige Kreditangebote Schuldenprobleme mit verstärken.

So erklärte der Stuttgarter Schuldenberater Reiner Saleth, die niedrigen Zinssätze ermöglichten Schuldnern zwar zunächst attraktive Umschuldungen. Solche neuen Arrangements erhöhten "in der Regel aber auch die Verschuldungsbereitschaft und die Gesamtverschuldung". Dadurch steige die Gefahr der Überschuldung. Nützlich sei das aktuelle Zinsniveau vor allem für Menschen, die einen zeitlich klar befristeten finanziellen Engpass zu überwinden haben.

Banken vergeben mehr Konsumentenkredite


Zudem seien die Banken angesichts der schwierigen Lage auf den Kapital- und Aktienmärkten derzeit möglicherweise eher geneigt, Konsumentenkredite auszugeben, um Geld zu verdienen, erklärte Saleth. Wie die Bundesbank mitteilte, ist das Volumen neu abgeschlossener Konsumentenkredite zuletzt tatsächlich gestiegen. Im August wurden demnach von den Banken rund 6,3 Milliarden Euro an neuen kurzfristigen Krediten für Anschaffungen - wie Reisen, Autos oder Dienstleistungen - abgeschlossen. Das war der höchste Wert seit April 2010. Für September weisen vorläufige Zahlen der Bundesbank rund 6,2 Milliarden Euro an neuen Konsumentenkrediten aus.

Frank-Christian Pauli, Banken-Referent der Verbraucherzentralen, sagte, günstige Zinsen und entsprechende Werbung einiger Banken könnten Verbraucher gerade im Weihnachtsgeschäft durchaus verleiten, zu viele solcher kurzfristiger Kredite aufzunehmen. Diese Art der Verschuldung ist nach Ansicht der beiden Experten allerdings auch unabhängig vom allgemeinen Zinsniveau ein konstantes Problem.

Gefahr späterer Zinssteigerungen


Pauli warnte vor möglichen Zinssteigerungen bei langjährigen Krediten. Wer aktuell mit Hilfe eines günstigen Darlehens ein Haus baue, könne sich in einigen Jahren mit höheren Zinsen konfrontiert sehen. "Damit können Verbraucher überfordert sein. Dann ist das Eigenheim unter Umständen schnell wieder weg." Gefahrlos und finanziell lohnend sei ein günstiger Kredit in erster Linie, wenn die geringen Zinsen genutzt würden, um höhere Tilgungen zu leisten und das Darlehen schneller abzubezahlen - also wenn der Kredit nicht nur aufgrund des aktuell niedrigen Zinsniveaus zu stemmen ist.

Saleth berichtete, in den vergangenen sechs Monaten sei der Andrang auf die Stuttgarter Zentrale Schuldnerberatung deutlich gestiegen. "Auch die Fragestellungen und die persönlichen Problematiken sind schwieriger und komplexer geworden." Eindeutige Ursachen für die Entwicklung zu benennen, sei aber schwierig. Eine Rolle spielten auf jeden Fall niedrige Löhne und eine wachsende Vereinzelung der Menschen in den Großstädten.