In Sachsen-Anhalt wurden im Mai 2014 vom Statistischen Landesamt 127177 Milchkühe in 654 Haltungen erfasst.

Im Jahr 2000 waren es noch 917 Milcherzeuger.
Der Rückgang ist nicht nur eine Folge von Betriebsschließungen, sondern auch von Zusammenschlüssen. (ba)

Magdeburg l Der Liter Frischmilch kostet seit Anfang November bei Aldi zehn Cent weniger. Der Lebensmitteldiscounter freue sich, die niedrigen Preise am Markt an die Verbraucher weitergeben zu können, hieß es dazu in einer Mitteilung. Wenig später sanken auch die Preise bei der Konkurrenz. "Aldi gibt beim Milchpreis den Ton an", sagt Norbert Münch, Vorsitzender im Fachausschuss Milch beim Bauernverband in Sachsen-Anhalt. Der Erzeugerpreis - also die Summe, die Molkereien ihren Landwirten zahlen - befindet sich im Sinkflug.

Im Januar bekamen die Milchbauern in Sachsen-Anhalt 40 Cent je Liter, im August 37 Cent. Nur noch 31 Cent für einen Liter Milch gab es im November. "Das ist hart an der Grenze des Machbaren, weil Kosten für Personal und Energie eben nicht sinken", sagt Sören Rawolle. Der 42-Jährige leitet die Agrargenossenschaft Tucheim (Jerichower Land). Die 1000 Kühe des Betriebs geben am Tag etwa 24000 Liter Milch. Rawolle tut jeder Cent weniger weh. "Man kann sagen, dass uns pro Cent am Jahresende etwa 80000 Euro fehlen", erklärt der Milchviehhalter. Erst in diesem Jahr wurde ein neuer Stall in Betrieb genommen. Kostenpunkt: 1,8 Millionen Euro. Einen bereits geplanten Stallneubau hat die Genossenschaft verschoben. "Die Entwicklung des Milchpreises ist momentan nicht abzuschätzen", so Rawolle.

Überangebot lässt Marktpreise sinken

Der Bauernverband in Sachsen-Anhalt befürchtet noch Schlimmeres. "Wir erwarten im kommenden Jahr ein Absinken des Milchpreises auf 27 Cent je Liter", sagt Norbert Münch. Wie konnte es soweit kommen? Die Nachfrage nach Milchprodukten ist hierzulande stabil. Wachstum ist kaum möglich. Die Milchbauern blicken deshalb auch auf den Weltmarkt. Wenn im kommenden Jahr die Milchquote der Europäischen Union ausläuft, darf jeder so viel melken wie er mag. Einige Bauern haben sich bereits mehr Tiere angeschafft und liefern mehr Milch. Das dadurch gewachsene Angebot trägt nun zum Preisverfall bei. Die neue Freiheit bringt auch Risiken mit sich. Das Auf und Ab auf den Märkten bekommen die Bauern nun zu spüren. Die geringere Nachfrage aus China und der russische Import-Stopp sorgen für ein Überangebot am Markt - und für einen sinkenden Preis.

Sollte diese Durststrecke lange anhalten, rechnet der Bauernverband Sachsen-Anhalt damit, dass sich Bauern aus der Milchproduktion verabschieden. "Für Betriebe, die in besseren Zeiten keinen finanziellen Puffer aufgebaut haben, ist es existenzbedrohend", sagt Verbandspräsident Frank Zedler.

"Wir sollten nicht vergessen, dass in den guten Jahren die Milchbauern auch gut verdient haben", gibt Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aeikens (CDU) zu Bedenken. Der Politiker empfiehlt den Landwirten, künftig verstärkt ihre Marktposition zu nutzen. "Die Milchbauern müssen ihre Stellung als Erzeuger stärken und ihre Verhandlungsmacht gegenüber den Molkereien ausspielen", so Aeikens. Experten rechnen erst im zweiten Halbjahr 2015 wieder mit einem Anstieg des Milchpreises. Meinung