Die Tauben und die Falken in der Opec
Die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) fördert etwa ein Drittel des Rohöls und besitzt rund drei Viertel der bekannten Reserven. Das mächtige Ölkartell ist normalerweise an hohen Preisen für das "schwarze Gold" interessiert. Dass die Förderung nicht gedrosselt wird, verwundert da - doch die einzelnen Mitgliedsländer verfolgen auch beileibe nicht die gleichen Ziele. Die Positionen im Überblick:

Die Profiteure: Die Golfstaaten Saudi-Arabien, Kuwait, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate können mit den aktuellen Preisen von rund 60 US-Dollar pro Barrel (159 Liter) am ehesten auskommen. Vor allem Saudi-Arabien als mit Abstand größter Opec-Produzent sitzt auf großen Erdölreserven und einer gut gefüllten "Kriegskasse" von geschätzten 750 Milliarden US-Dollar. Immer, wenn in den vergangenen Jahren andere Opec-Produzenten wie Libyen oder der Irak Lieferprobleme hatten, sprang das Königreich ein und verdiente dementsprechend mehr. Experten schätzen, dass Saudi-Arabien etwa zwei Jahre lang niedrigere Preise verkraften könnte. Die Golfstaaten gelten damit innerhalb der Opec als "Tauben". Mit seiner Weigerung, die Produktion zu kürzen, trägt vor allem Saudi-Arabien jedoch auch selbst maßgeblich zum Preissturz bei. Dadurch sollen konkurrierende US-Schieferöl-Produzenten, deren Fördermethoden beispielsweise mit Fracking kostspieliger sind, aus dem Markt gedrängt werden.

Die Verlierer: Vor allem der Iran und Venezuela leiden sehr unter den niedrigen Ölpreisen. Besonders das südamerikanische Land ist stark von seinen Öleinnahmen abhängig, mit denen es Sozialprojekte und Staatsausgaben finanziert. Die Regierung von Präsident Nicolás Maduro hatte mehrmals signalisiert, dass ein akzeptabler Ölpreis bei etwa 100 US-Dollar pro Barrel liege. Beim vergangenen Opec-Treffen hatte sich Venezuela für Produktionskürzungen ausgesprochen, konnte sich dabei jedoch nicht gegen die mächtigen Golfstaaten durchsetzen.

Der Iran hingegen darf derzeit nur wenig Öl exportieren. Grund sind die wegen des Atomstreits vom Westen verhängten Sanktionen. Um die Lieferausfälle zu kompensieren, braucht die Regierung in Teheran hohe Ölpreise. Das Land ist in einer Wirtschaftskrise, der Staatshaushalt ist auf Öleinnahmen angewiesen. Mit ihrer rigiden Preishaltung gelten beide Länder innerhalb des Kartells als "Falken".

Die Unentschiedenen: Der zweitgrößte Opec-Produzent Irak und Libyen sitzen derzeit zwischen den Stühlen. Eigentlich wollen sie höhere Preise. Zuletzt hatte vor allem Libyen jedoch wegen innenpolitischer Konflikte mit Lieferproblemen und damit verbunden geringeren Einnahmen zu kämpfen. Der stark auf Ölgelder angewiesene Irak hatte kürzlich sogar seine Preise gesenkt, um Marktanteile zu behaupten, damit jedoch den Preisverfall ebenfalls mit angeheizt. (dpa)

Frankfurt/Main (dpa) l Seit Monaten kennt der Ölpreis nur eine Richtung: nach unten. Die Verbraucher freut`s, doch für viele Förderländer wird der Preisrutsch - aktuell unter 60 Dollar pro Barrel - immer bedrohlicher. Das Ölkartell Opec findet keine klare Linie. Auf ihrer letzten Sitzung Ende November beschloss die Organisation erdölexportierender Länder (Opec), die Fördermenge unverändert zu lassen. Gelähmt durch Uneinigkeit in den eigenen Reihen fanden die Produzenten keine Antwort auf die Herausforderung durch den Boom der Schieferölproduktion in den USA, der die verfügbare Menge an Öl und Gas weltweit nach oben treibt. Der Preisverfall geht ungebrochen weiter.

Ein Kartell dient dazu, für seine Mitglieder Preise zu verteidigen. Hierzu teilt die Opec ihren Mitgliedern bestimmte Fördermengen zu. Francisco Blanch, Chefrohstoffanalyst der Bank of America, wählte in einer jüngsten Analyse zum Ölmarkt deutliche Worte mit Blick auf die Rolle, die das Ölkartell noch spielen kann: Die Opec habe sich mit ihrer Entscheidung, ihre Produktion unverändert zu lassen, "im Grunde aufgelöst".

Die Treffen der Mitgliedsländer am Opec-Hauptquartier in Wien waren auch früher von Streitereien geprägt. Doch die Frage, wie die Organisation auf den jüngsten Boom der US-Schieferölproduktion ("Fracking") reagieren soll, hat ganz tiefe Risse in der Opec zutage treten lassen.

Vor allem das vom Preiseinbruch besonders getroffene Venezuela forderte zur Stützung der Preise Produktionskürzungen. Doch die Förderländer am arabischen Golf rund um den wichtigsten Produzenten Saudi-Arabien ließen sich davon nicht beeindrucken und verhinderten eine Produktionskürzung. Für den Experten Jochen Hitzfeld von der Großbank Unicredit hatte die Opec gar keine Wahl. "Die Opec steht vor dem Problem, dass die Ölförderung in den USA durch das Fracking stark gestiegen ist. Da hätte eine Produktionskürzung jetzt wenig Sinn gemacht, das hätten andere Produzenten wieder aufgefangen."

Wie lange kann die Opec die Niedrigpreise halten?

Es gebe jedoch Schätzungen, dass der Fracking-Boom in den USA bis zum Jahr 2020 schon wieder vorbei sei. Damit sei der Verlust an Einfluss nur vorübergehend - die neue "Ölmacht" USA könnte bei allzu geringen Weltmarktpreisen rasch wieder an gerade erst gewonnenem Einfluss verlieren. Insbesondere für viele junge US-Ölfirmen könnten die mit viel fremdem Geld finanzierten Förderprojekte zu einem Bumerang werden.

Aber wie lange kann die Opec selbst ihre Niedrigpreise noch halten? Nicht alle Produzenten des Ölkartells, dessen zwölf Mitglieder etwa 40 Prozent der globalen Produktion auf sich vereinigen, können diesen Kurs lange verfolgen. Unter anderem ruft das von Öleinnahmen stark abhängige Venezuela zum Handeln auf. Auch der von westlichen Handelssanktionen bereits gebeutelte Iran hat sich für eine Produktionskürzung ausgesprochen, die die Einnahmen aus dem internationalen Ölgeschäft erhöhen könnte.

Mit Saudi-Arabien, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten steht die Front der arabischen Ölproduzenten vom Golf bisher jedoch. Und wegen seiner enormen Reservekapazitäten in Saudi-Arabien blicken die Märkte auch weiterhin auf das Königreich.

Dazu erklärt Experte Frank Schallenberger von der Landesbank Baden-Württemberg: "Die Opec hat als Organisation schon in den letzten Jahren keine so große Rolle mehr gespielt. Aber der entscheidende Player ist weiterhin Saudi-Arabien. Die Opec ist im Grunde ein Synonym für Saudi-Arabien geworden."

Nach seiner Einschätzung will das Land vor allem seine Marktanteile gegenüber der US-Schieferölindustrie verteidigen und nimmt dafür niedrigere Preise in Kauf. Außerdem wolle das Land vor einer Produktionskürzung erst einmal die Disziplin innerhalb des Opec-Kartells herstellen. "Sie haben keine Lust mehr, hinterher alleine eine Entscheidung umzusetzen und alle anderen machen, was sie wollen."

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