Paris (AFP) l Einst war Hervé Falciani nur ein einfacher Informatiker bei einer großen Bank. Aber seit er bei der Schweizer Niederlassung der britischen HSBC Hunderttausende Dokumente mitgehen ließ, gilt der 43-Jährige entweder als Held oder Dieb. Falciani gibt sich selbst gern als eine Art moderner Robin Hood gegen Steuerflucht. In den Enthüllungen internationaler Medien zu fragwürdigen Geschäften der HSBC mit Kriminellen sieht er nur die "Spitze des Eisbergs". Die von ihm entwendeten Unterlagen bergen noch mehr Sprengstoff als bisher bekannt.

Inzwischen taugt der Lebensweg des Franko-Italieners Falciani als Vorlage für einen Spionage-Thriller. Ihren Anfang nimmt seine Geschichte in Monaco, wo Falciani in den 1990er Jahren in einem Kasino anheuert. Im Jahr 2000 wechselt er dort als Informatiker zur HSBC, für die er wenige Jahre später an den Genfer Standort zieht. Dort entwendet er 2007 die Datensätze von mehr als 120000 Kunden. Als Grund dafür nennt die Schweizer Presse Streit mit seinem Chef über sein Gehalt. An die Daten kommt Falciani auf kuriose Weise: Eigentlich habe er nur Zugang zu verschlüsselten Daten gehabt, berichtet der Radiosender France Inter. Als sie einmal für einen "kurzen Moment" nicht verschlüsselt gewesen seien, habe Falciani sie in seinen Besitz gebracht.

Er macht sich 2008 zunächst mit seiner Geliebten auf in den Libanon, um dort seinen Datenschatz zu Geld zu machen. Vergeblich. Das Paar zieht die Aufmerksamkeit des dortigen Geheimdienstes auf sich, der die Schweizer Justiz informiert. Im Dezember 2008 durchsucht sie Büros bei der HSBC und vernimmt das Duo. Einer neuen Vernehmung entzieht sich Falciani, indem er mit Ehefrau und Tochter nach Südfrankreich flüchtet. Er wird Informant und übergibt seine Unterlagen den französischen Behörden. Das Finanzministerium in Paris - damals geführt von Christine Lagarde - leitet die Liste an andere Länder weiter. In Griechenland ist sie als "Lagarde-Liste" bekannt. Seit 2010 liegen auch dem deutschen Bundeszentralamt für Steuern die Daten aus Frankreich vor.

Die Schweiz sucht Falciani seit Jahren per internationalem Haftbefehl. Sie wirft ihm Datendiebstahl sowie Verstöße gegen das Bank- und Handelsgeheimnis vor. Das bringt Falciani 2012 für einige Monate in Spanien ins Gefängnis. Doch nachdem er auch den spanischen Behörden seine Zusammenarbeit bei der Suche nach Steuerhinterziehern anbietet, steht er wie in Frankreich auch in Spanien unter Polizeischutz. Beide Länder weigern sich, ihn an die Schweiz auszuliefern. Heute arbeitet Falciani für die französischen Steuerbehörden und erhält ein Gehalt von 3500 Euro im Monat.

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