Magdeburg l Im Bundesvergleich landet Sachsen-Anhalt bei den Übernachtungszahlen auf den hinteren Plätzen. "7,4 Millionen - so viele zählt Spitzenreiter Bayern schon während des Oktoberfestes", räumt selbst Wirtschaftsminister Hartmut Möllring ein. Bayern sei jedoch als großes Flächenland kein echter Maßstab. "Entscheidend ist, dass die Tourismus-Branche in unserem Land großes Potenzial hat", findet Möllring. Sein großes Ziel: Bis 2020 soll die Zahl der Übernachtungen auf acht Millionen anwachsen.

"Wir müssen für unsere historischen Schätze weiter werben, Sachsen-Anhalt kann das Kultur-Reiseland werden", so Möllring. Vorgenommen hat sich der Minister das bereits für die Internationale Tourismusbörse ITB in Berlin. Sachsen-Anhalt präsentiert sich dort ab Mittwoch, um für die Bundesgartenschau und Kulturhöhepunkte wie die Landesausstellung "Cranach der Jüngere", das Reformations- und das Bauhausjubiläum zu werben.

Mehr Besucher aus dem Ausland
Wie die jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamtes zeigen, entdecken nicht nur immer mehr Bundesbürger Sachsen-Anhalt. Auch die Zahl ausländischer Gäste ist stark gewachsen. 2014 kamen 232000 ins Land, vier Prozent mehr als im Vorjahr. "Jeder 13. Gast hatte damit seinen Wohnsitz im Ausland", so Chef-Statistiker Michael Reichelt. Die meisten ausländischen Besucher kamen demnach aus den europäischen Nachbarländern, insbesondere aus den Niederlanden (85000), Polen (54000) und Dänemark (41000). Aber auch aus Österreich, der Schweiz und weiter entfernten Ländern wie den USA und China kommen zunehmend Besucher.

Die meisten Übernachtungen verbuchen weiterhin die Hotels des Landes, 2014 waren es mehr als 3,5 Millionen. Mit großem Abstand folgten Pensionen, Ferienheime und Jugendherbergen. Den höchsten Zuwachs an Übernachtungen verzeichneten die Campingplätze.

Grüne kritisieren Konzeptlosigkeit
Im Vergleich zum Vorjahr wurden 12000 Camper mehr gezählt, das ist ein Plus von 16,3 Prozent. Mit 50000 Gästen und 1,1 Millionen Übernachtungen spüren auch die Reha-Einrichtungen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Gästezahlen erhöhten sich um 7,5 Prozent, die Zahl der Übernachtungen um 6,3 Prozent.

Insgesamt erwirtschaftete die Tourismusbranche Sachsen-Anhalts im vergangenen Jahr 1,7 Milliarden Euro. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag damit bei 3,6 Prozent. Die Grünen in Sachsen-Anhalt sehen die Tourismusbilanz kritisch. "Sie ist im Ländervergleich nicht einmal Mittelmaß", kritisiert Olaf Meister, Tourismus-Experte der Oppositionspartei. "Jenseits touristischer Großereignisse fehlen der Landesregierung Ideen und Konzepte zur Erhöhung der Übernachtungen."

Meister wirbt darum, etwa den Radtourismus stärker zu fördern. "Hier fehlt es an einem durchgängigen Ausbau regionaler Radwege." Auch die zunehmende Verbreitung von E-Bikes werde von der Regierung nicht als Chance erkannt. "Der Aufbau eines Netzes von Ladestationen entlang bedeutender Radwege wäre eine kostengünstige und wirtschaftspolitisch sinnvolle Maßnahme, die sich in kurzer Zeit umsetzen ließe", so Meister weiter.

Deutsche machen weiterhin lieber Urlaub daheim
Es spricht dennoch vieles dafür, dass die Branche weiter Erfolge verbuchen wird. Vor Beginn der Berliner Tourismusbörse ITB ist Michael Frenzel, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft optimistisch: "Alles spricht dafür, dass 2015 wieder ein exzellentes Reisejahr in Deutschland wird". Der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) zufolge wollen die Deutschen unterm Strich noch einmal mehr Geld für mehr Reisen ausgeben.

Zu Jahresbeginn fingen sie damit schon einmal an: Aktuell liegen die Buchungen für das wichtige Sommergeschäft über dem Vorjahresniveau. Zwar verloren sie im Januar etwas an Schwung. Unter dem Strich steht nach einer Auswertung des Marktforschungsunternehmens GfK von Daten aus rund 1200 Reisebüros aber ein Umsatzplus von 5,4 Prozent. Auf Platz eins der Hitliste der Bundesbürger liegt weiter Urlaub daheim. Es folgen Spanien, Italien, die Türkei und Österreich. Knapp zwei Drittel aller Ferienreisen gehen der FUR zufolge jedes Jahr in eines dieser Länder.

Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Hartmut Möllring ließ sich am Dienstag auch einen Geheimtipp entlocken. "Ich kann jedem raten, mal eine Weinprobe in Freyburg an der Unstrut zu machen." Sein Kredo: Gutes müsse sich herumsprechen, Sachsen-Anhalt habe abwechslungsreiche Angebote von Weltrang.