Wolfsburg l Ausgerechnet an seinem 78. Geburtstag hat VW-Patriarch Ferdinand Piëch eine herbe Niederlage einstecken müssen. Bislang war sein Wort Gesetz bei Personalentscheidungen an der Spitze des Autokonzerns, doch im Fall Winterkorn hat sich das Präsidium des VW-Aufsichtsrates mit großer Mehrheit gegen ihn gestellt. Winterkorn bleibt vorerst im Amt, im Februar 2016 soll sein Vertrag verlängert werden.

Wörtlich teilte das Präsidium am Freitag mit, dass Winterkorn "der bestmögliche Vorsitzende des Vorstands für Volkswagen ist". Winterkorn habe die "uneingeschränkte Unterstützung". Der in solchen Fällen wichtige Begriff der Einstimmigkeit kam in der Mitteilung jedoch nicht vor. Neben Ferdinand Piëch gehören dem Gremium sein Cousin Wolfgang Porsche, Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil (SPD), Betriebsratschef Bernd Osterloh, dessen Vize Stephan Wolf und Berthold Huber von der IG Metall an.

Piëchs langer Atem

Auf Volksstimme-Anfrage teilte Huber mit: "Die getroffene Entscheidung des Aufsichtsratspräsidiums ist ein gutes Zeichen für die Belegschaft und das Unternehmen."

Ministerpräsident Weil erklärte mit Blick auf Winterkorn: "Es besteht jetzt Klarheit darüber, dass wir an dieser Stelle Kontinuität haben werden; wir haben großes Vertrauen in den Vorstandsvorsitzenden." Der SPD-Politiker griff indirekt auch Piëch an: "Die Diskussion der vergangenen Woche war nicht gut für den VW-Konzern. Sie dürfte mit dem jetzigen Beschluss ein Ende gefunden haben."

Doch so gewiss ist das nicht. Piëch hat schon einmal eine Abstimmungsniederlage im Aufsichtsrat einstecken müssen. Damals ging es um den Verbleib von Bernd Pischetsrieder. Piëch hatte den damaligen VW-Chef ähnlich wie Winterkorn öffentlich angezählt, indem er seine Vertragsverlängerung als "wirklich offene Frage" bezeichnete. Im Mai 2006 verlängerte der Aufsichtsrat aber trotzdem den Vertrag bis 2012. Doch schon im November 2006 gab Pischetsrieder auf, Anfang 2007 wurde Martin Winterkorn als Nachfolger bestellt.

Piëch kritisiert teure Autoproduktion

Weshalb Piëch nun öffentlich "auf Distanz zu Winterkorn" gegangen ist, bleibt unklar. Beobachtern zufolge sorgt sich der Patriarch jedoch um die Zukunft des Autobauers. Volkswagen hatte zuletzt in Nord- und Südamerika Absatzrückgänge hinnehmen müssen, katastrophal fielen die Zahlen für den US-Markt aus: Lediglich 370.000 Autos verkaufte VW dort im vergangenen Jahr, der Marktanteil betrug kaum mehr als zwei Prozent.

Toyota konnte hingegen mehr als 2,4 Millionen Fahrzeuge verkaufen. Als problematisch schätzt Piëch dem Vernehmen nach auch die Entwicklung der Kernmarke Volkswagen ein. Die Gewinnmargen seien zu niedrig, die Auto-Produktion müsse günstiger werden. Öffentlich wurden Winterkorn diese Probleme bislang kaum angelastet, weil die Gesamtzahlen durch starke China-Geschäfte stets positiv ausfielen.

Wie es an der Spitze des VW-Konzerns mittelfristig weitergeht, bleibt auch nach dem Votum der Aufsichtsräte für Winterkorn offen. Winterkorn ist bereits 67 Jahre alt, es stellt sich also die Frage, um wie viele Jahre sein Vertrag verlängert wird. Nach dem Machtkampf bleibt auch unklar, ob Winterkorn für Piëch an die Spitze des Aufsichtsrats rückt. Piëchs Mandat als Chef-Aufseher endet in zwei Jahren. Bis dahin müssen sich die VW-Gremien auf Nachfolgeregelungen verständigt haben.

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