Erfurt (dpa) l Für die Gewerkschaften hätte es kaum schlechter laufen können. Als sie nach dem Zusammenbruch der DDR vor 26 Jahren im Osten Deutschlands Fuß fassen wollten, brach ein Großbetrieb nach dem anderen weg. Vor den Arbeitsämtern bildeten sich lange Schlangen.

Den Niedergang der Industrie wussten selbst Gewerkschafter nicht zu verhindern. "Wenn viele Menschen arbeitslos sind, verzeichnen Gewerkschaften keine großen Erfolge", sagt der Arbeitssoziologe Stefan Schmalz von der Universität Jena. Mittlerweile sieht er die Arbeitnehmervertreter im Osten aber in einem leichten Aufwind.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) teilt diese Einschätzung. Seit 25 Jahren nimmt er sich der Belange von Arbeitnehmern im Osten Deutschlands an. Ende 1990, kurz nach der Wiedervereinigung, wurden die ersten Büros eröffnet. "Der DGB hat nach der Wende einiges abfedern können", hebt die DGB-Chefin von Hessen-Thüringen, Gabriele Kailing, die Erfolge hervor. Sie sieht die Gewerkschaften als "positiven Puffer in der Wildwest-Politik" der Nachwendejahre.

Gewerkschaften verlieren zahlreiche Mitglieder

Der DGB stieß nach Einschätzung des Soziologen anfangs jedoch auf Vorbehalte. Den Ostdeutschen seien zwar Gewerkschaften nicht fremd gewesen, so Schmalz. Es gab ja in der DDR den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), der Dachverband für etwa 15 Einzelgewerkschaften war. Er löste sich zum 30. September 1990 selbst auf. "Der FDGB war allerdings mit dem System verbunden. Die einfachen FDGB-Mitglieder hatten keinen Einfluss auf die Lohnverhandlungen", erinnert der Experte. Auch Streiks habe es nicht gegeben, um Forderungen der Gewerkschaften durchzudrücken.

"Die ehemaligen Mitglieder des FDGB konnten selbst entscheiden, ob sie wieder Mitglieder einer Gewerkschaft werden wollten", bekräftigt Kailing. Viele hätten die Entscheidung überdacht und seien zunächst erstmal nicht beigetreten. Andere traten bei, später aber wieder aus. So mussten die Gewerkschaften laut Statistik von Jenaer Forschern mitunter kräftig Federn lassen: Die IG Metall verlor in Ostdeutschland zwischen 1991 und 1998 fast 60 Prozent ihrer Mitglieder. Bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten waren es fast 65 Prozent.

Die Ostdeutschen fremdelten nach der Wende mit dem westdeutschen DGB - auch deshalb, weil sie andere Sorgen hatten und viele um ihre Existenz bangten: 1990 lag nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Osten Deutschlands die Arbeitslosenquote bei 10,3 Prozent, im Westen bei 7,3. Bis 2005 stieg sie auf 20,6 Prozent. Im Westen erreichte die Quote einen Spitzenwert von 13 Prozent. "Die Arbeitnehmer im Osten waren eher bereit, mit den Betrieben zu kooperieren", erklärt Schmalz.

Arbeitnehmervertreter erhalten neuen Zulauf

Die Folge: Flächentarifverträge spielen in Ostdeutschland kaum mehr eine Rolle. Von 1996 bis 2013 sank die Tarifbindung von 48 auf 28 Prozent. Im Westen waren es vor zwei Jahren immerhin noch 47 Prozent, wie aus Zahlen eines Forschungsprojekts der Uni Jena hervorgeht. Das spiegelt auch die Entwicklung bei den Betriebsräten wider. Gab es 1996 noch in 43 Prozent der Unternehmen in den neuen Ländern einen Betriebsrat, so waren es 2013 noch 35 Prozent. Zudem haben sich im Osten nach dem Zusammenbruch großer Industriestandorte deutlich weniger Großbetriebe als in den westlichen Ländern niedergelassen.

"Die Gewerkschaften haben nach der Wende die Arbeitslosigkeit durch massive Proteste abmildern können", ist sich Kailing sicher und verweist auf die Einführung von Arbeitsmarkt-Beschaffungsmaßnahmen und Weiterbildungen. "Aus unserer Sicht hätte die Wirtschafts- und Währungsunion nicht so schnell umgesetzt werden dürfen."

Ein Auslaufmodell sind Arbeitnehmervertreter dennoch nicht. Seit einigen Jahren beobachtet Schmalz einen steigenden Zulauf in Ostdeutschland. "In Betrieben werden mittlerweile Betriebsräte aus eigenem Bestreben heraus gegründet - und dafür geht man auf Gewerkschaften zu", so der Soziologe.