Die deutschen Wirtschaftsriesen wie VW, Siemens oder ThyssenKrupp fremdeln mit ihrer Heimat - das legt zumindest ein Blick auf die Entwicklung der Kennzahlen in ihren Geschäftsberichten nahe. Die Dax-Unternehmen machen inzwischen 75 Prozent ihrer Umsätze im Ausland.

Frankfurt/Main (dpa). Die Dax-Unternehmen erwirtschaften im Schnitt nur noch jeden vierten Euro in Deutschland. Die im Börsen-Leitindex notierten Schwergewichte wachsen im Ausland auch doppelt so schnell wie hierzulande und stellen fern der Heimat öfter Mitarbeiter an. Diese Trends für das Jahr 2010 ergeben sich aus einer Studie des Beratungs- und Prüfungsunternehmens Ernst & Young. Demnach sind die deutschen Börsenriesen eindeutig Globalisierungsgewinner.

Die Analyse stützt sich auf die frischen Geschäftsberichte der 28 Dax-Unternehmen (ohne Commerzbank und Deutsche Bank). Mit Blick auf den Deutschlandanteil am Gesamtumsatz kommt keines der Unternehmen über die 40-Prozent-Marke. Metro, Deutsche Telekom und RWE liegen bei ihren Deutschlanderlösen knapp unter 40 Prozent, Deutsche Post, der Rückversicherer Munich Re und ThyssenKrupp kommen auf gut 30 Prozent.

Die Bedeutung der Auslandsmärkte ist auch in der Umsatzentwicklung ersichtlich: Während es im Inland verglichen mit dem Vorjahr 2009 im Schnitt 9 Prozent Wachstum gab, kam das Ausland auf satte 19 Prozent. "Das Auslandsgeschäft wird immer wichtiger. Deutschland ist nur noch ein Markt unter vielen", sagte Ernst-&-Young-Experte Hendrik Hollweg. Selbst BMW, Daimler und Volkswagen erlösen nur noch etwa jeden fünften Euro daheim - obwohl Deutschland 2010 nach den USA, China, Japan und Brasilien der viertgrößte Automarkt der Welt war.

Von den reinen Kennzahlen abgesehen ist Deutschland für die Dax-Riesen natürlich immer noch von herausragender Bedeutung, weil in der Regel hierzulande die Verwaltungen, Forschung und Entwicklung sowie das Marketing beheimatet sind - Herzstücke der "Global Player" also.

Zudem wehren sich die Unternehmen gegen den Vorwurf, dass Wachstum im Ausland zwangsläufig auf Kosten des Inlands gehe. Der Präsident des Autoverbandes VDA, Matthias Wissmann, hatte Ende 2010 beispielsweise gesagt: "Drei neue Arbeitsplätze im Ausland sichern oder schaffen einen Arbeitsplatz im Inland. Export und Präsenz in den Wachstumsregionen sind nicht ein entweder oder sondern ein sowohl als auch."

Während die Konzerne sagen, Auslandsproduktion sei in vielen Fällen Voraussetzung, um dort überhaupt verkaufen zu können, halten Gewerkschaften oft dagegen, die Standortentscheidungen würden nur aus Kostenkalkül gefällt, um an Mitarbeitern zu sparen.

In Summe weisen die Konzerne beim Umsatz ein Viertel Heimatanteil auf - sie erlösen also nur noch jeden vierten Euro hierzulande. Bei den 2007 im Dax stehenden Unternehmen war es fast noch jeder dritte Euro (31 Prozent) gewesen.

Für Adidas bringt der deutsche Markt sogar nur ein Zwanzigstel vom Umsatz. 9 Prozent sind es bei Linde, alle übrigen Unternehmen kommen auf einen zweistelligen Deutschlandanteil. Mit knapp 60 Prozent beschäftigen die Dax-Konzerne inzwischen weit mehr als jeden zweiten Mitarbeiter im Ausland.

Der deutsche Fiskus kassiert für das Jahr 2010 von den Dax-Konzernen 34 Prozent mehr Steuern als noch im Jahr zuvor.