Von Christian Böhmer

Brüssel (dpa). EZB-Chef Trichet geht zwar erst im Oktober. Aber nach dem Abgang von Nachfolgefavorit Weber dreht sich in der EU das Kandidatenkarussell. Die Meinungen der Finanzminister gehen noch weit auseinander. Viele fragen: Gibt es einen Hinterzimmer-Deal?

Es war alles so schön geplant: Ende März soll das europäische Paket zur Euro-Absicherung beschlossen werden. Erst danach wollten sich die europäischen Finanzminister dann mit einer Top-Personalie befassen: Es geht um die Nachfolge von Jean-Claude Trichet an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB).

Aber es kommt anders. Mit den angekündigten Abgang von Bundesbankchef Axel Weber fällt ein Favorit für den Frankfurter Top-Posten aus. Es gibt bereits Befürchtungen, wonach es zu einem Brüsseler Kuhhandel kommen könnte – nach dem Motto: Ich lasse dir deinen EZB-Kandidaten, dafür möchte ich Zugeständnisse beim Euro- Paket haben.

Nein, sagt der österreichische Finanzminister und Vizekanzler Josef Pröll: "Niemand hat diese Dinge verquickt." Dabei soll es auch bleiben, denn die Spitzenpersonalie solle "in aller Ruhe und Klarheit entschieden werden". Der Wiener Minister liegt offensichtlich auf derselben Linie wie sein deutscher Amtskollege Wolfgang Schäuble, für den es auch noch "lange Zeit" gibt. In Luxemburg hat man es hingegen eilig: Ressortchef Luc Frieden sagte der italienischen Zeitung "La Stampa" (Dienstag), es solle "schnellstmöglich entschieden werden".

Diplomaten pflichten bei, die EU können sich keine Zeit lassen. Zwar hätten sich die Finanzmärkte beruhigt. Doch die Schuldenkrise von Euroländern wie Griechenland oder Irland bleibe gefährlich. Europa müsse Handlungsfähigkeit signalisieren. In Verhandlungen für den Schlüsselposten der europäischen Finanzwirtschaft sind die Kassenhüter noch nicht eingestiegen. Aber Positionen werden aufgebaut oder gefestigt. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" präsentierte sich der italienische Notenbankgouverneur und potenzielle Trichet-Nachfolger Mario Draghi als ein stabilitätsorientierter Währungsfachmann, der Deutschland als Vorbild lobt.

"Man muss verstehen, dass die Preisstabilität die Grundlage des deutschen Wachstums war und nun auch zu einem Grundsatz für ganz Europa werden muss", meinte der 63-Jährige. Die französische Ministerin Christine Lagarde lobte Draghi als einen "Mann mit großen Qualitäten".

Die stets elegante Französin ließ sich beim Brüsseler Finanzministertreffen nicht in die Karten schauen, stellte aber fest, man müsse "alle Kandidaten sehen". Beobachter fragen sich, ob Paris einen "Deal" mit Berlin anstrebt.

Amtsinhaber Trichet, der in der gefährlichen Finanz- und Schuldenkrise die Nerven behielt, stellte schon einmal klar, dass sich die EU-Staats- und Regierungschefs rechtzeitig einigen müssen. Auf die Frage der französischen Wirtschaftszeitung "Les Echos", ob er länger in Frankfurt bleiben könnte, antwortete er knochentrocken: "Die Frage stellt sich nicht. Ich habe ein klares Mandat, das zeitlich begrenzt ist."