Deutsche Qualität inspiriert nicht nur in der Krise die Franzosen. Bei der diesjährigen Hannover Messe schaut das Partnerland mit frischem Interesse über den Rhein – Deutschland hat Vorbildcharakter. Doch kulturelle Hürden bereiten beim Handel nach wie vor Probleme.

Paris/Hannover (dpa). "Deutsche Qualität" – in der französischen Automobilwerbung wird der Begriff nicht einmal mehr übersetzt. Es sei nicht nötig Deutsch zu lernen, um die technischen Vorzüge der Produkte von der anderen Rheinseite zu verstehen, wird französischen TV-Zuschauern suggeriert. Das diesjährige Partnerland der Hannover Messe, die gestern Abend eröffnet wurde, erlebt zurzeit eine Art Deutschland-Boom. Der wirtschaftliche Musterschüler hat die Krise gut gemeistert und damit Vorbild-Charakter, befand sogar Präsident Nicolas Sarkozy.

Auch die politisch etwas eingetrübte Stimmung wegen der deutschen Verweigerungshaltung bei der von Sarkozy inspirierten Koalition gegen Libyen-Machthaber Muammar al Gaddafi konnte dem kaum etwas anhaben. Seit Unterzeichnung des deutsch-französischen Elysée-Vertrages am 22. Januar 1963 sind beide Länder nicht nur wirtschaftlich über tausende Partnerschaften in allen Bereichen der Gesellschaft eng miteinander verflochten. Bei stattlichen 114 Milliarden Euro lag der gegenseitige Handelsaustausch 2009 – aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor.

Doch dem deutsch-französischen Handel entgehen nach Ansicht von Experten jährlich Milliardenwerte, weil sich Mitarbeiter und Manager beider Länder trotz wortreicher Verhandlungen oft kaum verstehen. An Vorurteilen mangelt es auf beiden Seiten kaum, kulturelle Unterschiede schaffen nach wie vor Hürden und Frustration.

"Der bilaterale Handel könnte bis zu 40 Prozent höher liegen ohne diese Hürden", schätzt die bei der Hannover Messe präsente Marion De Vries unter Hinweis auf Experten-Analysen. Die Seminarleiterin der Beratungsfirma SAM International hat vor wenigen Wochen in Paris bei der Deutsch-französischen Industrie- und Handelskammer beim Abbau von gegenseitigen Vorurteilen zu helfen versucht. Ihre Erkenntnis: Vor allem beim Mittelstand hakt es im deutsch-französischen Handel oft.

Spezielle Kurse trainieren das gegenseitige Verständnis. "Man muss diese Stereotypen kennen – die Zusammenarbeit mit dem jeweils anderen ist nicht neutral!", meint De Vries. Überaus wichtig sei das persönliche Gespräch. Bei Übernahmen von deutschen oder französischen Unternehmen seien die wenigsten auf kulturelle Unterschiede vorbereitet. De Vries: "In fast 80 Prozent aller Fälle gibt es trotz des vorhandenen guten Willens auf beiden Seiten handfeste Probleme."

Rund 3000 deutsche Firmen haben nach Angaben der Handelskammer in Frankreich etwa 300000 Arbeitsplätze geschaffen. Schwerpunktregionen sind vor allem das Elsass sowie der Großraum Paris – eine Region, die im zentralistisch geprägten Frankreich weiterhin tonangebend ist. Umgekehrt haben die rund 2200 französischen Firmen in Deutschland etwa 250000 Arbeitsplätze geschaffen – sie sind schwerpunktmäßig vor allem in Nordrhein-Westfalen zu finden.

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